Septemberzeit

septemberzeit

26-01-21 11:24:00,

Ich glaube, es war ein milchiger Tag. Es war auch eine milchige Zeit in meinem Leben.

Mein Vater war gestorben und beerdigt. Meine Liebe — zerbrochen, unabwendbar zog der Trennungstermin uns zu sich hin, doch wir wichen ihm noch aus. Stillschweigendes Einverständnis, ihn nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Ich vergrub mich in einen Nebel aus Balsamterpentinöl, in meine Farben, berauschte mich, war nicht da, sodass diese Realität nicht nach mir rufen konnte. Das Kind war im Kindergarten, ich stand im Atelier. Ein Bild wollte noch gemalt werden für eine kleine Ausstellung. Immer wieder waren Figuren zu konkret. Zeigen oder verbergen, beides gleichzeitig. Das heißt: ahnen.

Diese Ahnung war es, die mich an diesem Tag interessierte, und wie durch eine Drehtür bewegte ich mich in diesem Bild, das mehr sichtbar machte, je mehr es verbarg. Es ist dann ein Schmerz in jedem Pinselstrich, jedes Wischen voll wütender Zärtlichkeit zur Farbe, etwas geht durch diese Drehtür hinein, etwas anderes kommt heraus … und so stand ich schließlich vor der Staffelei, denn ich war draußen, endgültig draußen, und … sah nichts.

Fertig.
Innerlich stumm.
Kein Aufruhr.

Das Bild war dunkel. Mehr nicht. Es braucht immer Abstand, ein paar Tage, um wahrzunehmen, was im Bild von mir blieb. Erst einmal ist das Schauen nur ein stummer Abschied, ein stilles Verharren.

Ein Handyton zerriss dieses Dickicht. Ich ging ran und hörte die Stimme meines Sohnes im Hintergrund, dann seinen Vater. Offenbar hatte er den Kleinen vom Kindergarten abgeholt und war zu Hause. Das war ungewöhnlich.

Seine Stimme kam von irgendwoher: „Zwei Flugzeuge sind in das World-Trade-Center geflogen, die Türme sind zusammengestürzt. Ein Flugzeug ist ins Pentagon gerast. Es gibt Krieg! Komm nach Hause!“ Es war vollkommen unwirklich. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was er sagte. Trotzdem fügte sich diese Unwirklichkeit in den ganzen Malprozess, den ich hinter mir hatte.

Für Erstaunen oder Fassungslosigkeit war da kein Platz mehr.

Mechanisch wusch ich meine Pinsel aus, ging meine ganz normalen Abläufe durch. Ich zog meinen Overall aus und schlüpfte in meine Alltagsklamotten, schloss die Tür.

Warm-feuchte Septemberluft, eine verschleierte Sonne lugte durch gelbliche Birken, verfing sich in den Spinnweben. Wie in einer Blase fuhr ich zum Supermarkt, um die geplanten Einkäufe zu erledigen,

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