Ab vor den Bildschirm! | Von Tamara Ganjalyan | KenFM.de

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27-01-21 04:23:00,

Unsere Kinder werden zu Digital-Junkies gemacht – und wir sollen es gut finden.

Ein Standpunkt von Tamara Ganjalyan.

Vielleicht gibt es Eltern, die sich noch erinnern an dieses andere Leben, diese untergegangene Welt, die Äonen zurückliegt oder ein Jahr. Damals, als ihre Kinder in der Freizeit etwas unternahmen, einen Wochenendausflug zum Beispiel oder mal ins Kindertheater gingen oder in den Zoo.

Es war das, was man „normal“ nannte, und normal war vor allem dies: Kinder, die mit Kindern spielen anstatt mit Konsolen, echte physische Begegnung statt dessen billigen digitalen Abklatsches in der schönen neuen Welt des Silicon Valley. Zu jener Zeit wurden die Kinderärzte, die Psychologinnen und sogar die Pädagogen in den Schulen und Kitas nicht müde, uns Eltern zu erzählen, dass Kinder Gleichaltrige bräuchten, den realen Austausch mit Ihresgleichen und dass soziale Beziehungen so enorm wichtig seien für die kindliche Entwicklung.

Wer damals, in dieser längst vergangenen Epoche, sein Kind länger als eine halbe Stunde pro Tag vor dem Fernseher sitzen ließ, setzte sich fast schon dem Verdacht prekärer familiärer Verhältnisse aus. Medienkonsum nur in strikter zeitlicher Begrenzung und mit elterlicher Begleitung, ansonsten: Bewegung an der frischen Luft und mit den Freunden auf den Spielplatz – dies alles galt bis März 2020.

Seitdem ist auch und gerade die Welt der Kinder eine andere geworden. Eine kleinere und eine einsamere ist sie für viele. Hat man nicht gerade das Privileg, in einem Einfamilienhaus mit Garten oder in einer großen Altbauwohnung mit Dachterrasse zu residieren, spielt sich ein Großteil des Tages im Lockdown – wörtlich: Einschluss – zwischen Zimmer, Küche, Bad und fraglos bei vielen vor dem Bildschirm ab. Die Welt ist auf ein Mindestmaß zusammengeschrumpft. Das Leben kreist im Wesentlichen noch um basale körperliche Grundfunktionen: Essen, schlafen, verdauen, wieder schlafen, essen, …

Alle anderen, um nichts weniger grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, die über die Sphäre des reinen Überlebens hinausgehen, werden derweil ins Virtuelle ausgelagert, in der Vorgaukelung eines gleichwertigen Ersatzes des Leibhaftigen. Kunst und Kultur, mitmenschliche Begegnung und nicht zuletzt auch Bildung sollen, so will es das hygienische Normativ, vom unreinen, da stets potenziell kontaminierten analogen Leben ins Internet übertragen werden.

Dass Schule nicht nur ein Ort der theoretischen Wissensvermittlung, sondern mindestens ebenso sehr auch ein Ort der Begegnung und des sozialen Lernens ist,

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