Die Macht des Schamgefühls

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31-01-21 11:35:00,

Seit jeher werden Demütigungen und Beschämungen in Politik und Gesellschaft als Machtinstrument eingesetzt. Die Historikerin Ute Frevert hat zu diesem Thema ein interessantes Buch vorgelegt: „Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht“. Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen.

Auf dem Cover von Ute Freverts Buch ist ein Foto abgebildet, das man aus der französischen Geschichte kennt: Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Französinnen, die Liebesbeziehungen zu deutschen Besatzungssoldaten eingegangen waren, dazu gezwungen, sich in aller Öffentlichkeit als sichtbares Zeichen ihrer Schande eine Glatze scheren zu lassen. Auf dem Foto ist eine Frau zu sehen, deren Kopf schon fast kahl ist und die die Augen geschlossen hält. Im Hintergrund ist die Menschenmenge zu sehen. Individuell erkennbar sind zwei Frauen, die lachen und sich offensichtlich über die Demütigung ihrer Geschlechtsgenossin außerordentlich freuen. Wenn man dieses Foto sieht, kann man es nicht fassen, dass Menschen sich zu so viel Bosheit und Gemeinheit hinreißen lassen. Heute, das betont auch Ute Frevert in ihrem Buch, herrscht eine große Sensibilität in Bezug auf Demütigungen und Verletzungen. Aber heißt das auch, das wir heute tatsächlich humaner miteinander umgehen? Dazu später mehr. Zunächst zu einem weiteren Foto in Freverts Buch. Man könnte ja annehmen, dass solche öffentlichen Demütigungen wenigstens staatlicherseits nicht mehr vorkommen. Auch auf dem Klappentext von Ute Freverts Buch heißt es: „Heute ist es nicht mehr der Staat, der beschämt und demütigt.“ Gleich ganz zu Anfang in ihrem Buch widerlegt sie sich selbst. Auf Seite acht ist ein Foto abgebildet, auf dem eine schwarze Amerikanerin namens Shena Hardin zu sehen ist, die an einer belebten Straße steht und ein Schild vor sich hält. Auf dem Schild steht (natürlich in englischer Sprache) der Satz „Nur eine Idiotin fährt auf dem Bürgersteig, um einen Schulbus zu überholen.“ Frevert erläutert dazu:

„Genau das hat Hardin mehrfach getan, wofür eine Richterin sie zu einer Geldstrafe und zu einem zeitweiligen Entzug des Führerscheins verurteilt. Damit nicht genug, verhängt sie das, was die Amerikaner shame sanction nennen: eine Ehrenstrafe, die Hardin öffentlich als Idiotin brandmarkt. Solche Sanktionen sollen strafen und disziplinieren, aber auch erziehen und bessern“ (S. 7).

Zwar gibt es solche öffentlichen Beschämungsaktionen staatlicherseits bei uns in Deutschland tatsächlich nicht. Aber heißt das etwa, das der Staat bei uns nicht mehr Menschen beschämt? Mir fallen dazu Zeitungsberichte über Wohnungsinspektionen durch Jobcenter ein,

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