Der Skandal der Sterblichkeit

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02-02-21 01:29:00,

Ein Menschenalter ist es her, dass Theodor W. Adorno sich in aphoristischen Essays mit den Bedingungen menschlichen Seins angesichts unmenschlicher Lebensumstände auseinandersetzte. Geschrieben im angloamerikanischen Exil unter dem Eindruck von Kapitalismus und Faschismus in seiner deutschen Heimat reflektierte er die Bedingungen und die (Un-)Möglichkeit eines moralisch „richtigen“ Lebens.

Im Dezember 2020, vor dem Hintergrund der ebenso außergewöhnlichen wie einschneidenden Ereignisse dieses Jahres, erschien ein Werk, das erneut in literarisch miniaturistischer Form ein fundamentales Faktum menschlichen Seins reflektiert. Doch anders als Adorno geht es dem Autor dieses Werks nicht in erster Linie um die Frage nach dem richtigen oder guten Leben, sondern — nach dem Tod.

„Was hat es heute auf sich mit dem Tod? Wie gehen wir mit ihm um? Wie greift er in unser Leben ein?“, diese Fragen leiten eine so persönlich-subjektive wie gerade jetzt gesellschaftlich höchst aktuelle Erkundung der Inversion des Todes in der Moderne ein.

„Minima Mortalia“ lautet denn auch folgerichtig der Titel der Kurzprosasammlung des Philosophen, Dokumentarfilmers und ehemaligen Altenpflegers Werner Köhne. Es ist zugleich die Premiere des Sodenkamp und Lenz Verlagshauses GmbH i.Gr., eines durch Crowdfunding finanzierten Verlags, gegründet von den Herausgebern der Wochenzeitung Demokratischer Widerstand.

Die Entstehung des 216 Seiten starken und mit einem Nachwort von Gunnar Kaiser sowie mit 15 Illustrationen von Jill Sandjaja versehenen Werks, dessen Erstauflage von 500 Exemplaren in einem an mittelalterliche Stundenbücher gemahnenden schwarzen Leineneinband mit Goldlettern daherkommt, durfte ich als Lektorin begleiten. Bestellbar sind die „Minima Mortalia“ im lokalen Buchhandel per Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) sowie verlagsdirekt via demokratischerwiderstand.de und sodenkamplenz.de.

Warum aber ein Buch über den Tod — und warum gerade jetzt und als Auftaktwerk eines, wenn man den Begriff denn bemühen darf, „Dissidentenverlags“?

Der Tod, so Köhne in seinem Geleitwort, kann sich unter den Gegebenheiten der Moderne gerade deshalb „ungehindert in unser Leben einschleichen und es prägen“, weil er, durch den modernen Menschen alles Metaphysischen beraubt, „fixiert, verschoben und hinausgezögert“, ja „zum Objekt von Programmen erklärt und in Dienst genommen“ wird — wer fühlt sich angesichts einer solchen Diagnose (!) nicht an das politmediale Geschehen der Gegenwart erinnert, dessen ubiquitäres, fast schon rauschartiges Hinausschreien von Fallzahlen, Sterbestatistiken und Pressebildern von aufgereihten Särgen ein Leben begleitet, dass in seiner erzwungenen Erstarrung zwecks Vermeidung des Todes zur Antithese des Lebendigen verkommt?

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