Der Lockdown der Gefühle

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03-02-21 04:07:00,

Die neuen Spaltungen der Gesellschaft (Teil 3 und Schluss)

Wenn es um sozialen Wandel geht, lässt sich die Geschichte manchmal ziemlich lange Zeit und manchmal hüpft sie wie gedopt herum. Das Mittelalter zum Beispiel dauerte von Jahrhundert zu Jahrhundert an, und viel wirklich Neues ist innerhalb eines Menschenlebens eher nicht passiert. Dagegen wirkten manche Ereignisse, wie etwa der Erste Weltkrieg, wie ein ungeheurer Prozessbeschleuniger, in dem innerhalb kurzer Zeit das Alte verdampfte und das Neue entstand.

Es spricht einiges dafür, dass Corona einer dieser Katalysatoren des Historischen ist. Es ist nun schon neun Jahre her, dass ich auf Telepolis von der Formierung einer “komitativen Sphäre” gesprochen und dabei die mediale digitale Hülle gemeint habe, die uns zusehend einschließt. Corona ist in dieser Hinsicht ein gewaltiger Beschleuniger, am Horizont droht eine Überwachunsgapp, die das Einsammeln der unzähligen Daten, die wir ohnehin hinterlassen (vom Internet-Nutzungs-Profil bis zu den Konsumgewohnheiten über die Kreditkarte etc. etc.), fast überflüssig macht.

Haben diese (noch) verstreute Daten noch den Anschein, unschuldig disparat zu sein, weil wir sie eben sukzessiv in verschiedenen sozialen Situationen erzeugen, so kommt eine künftige Überwachungsapp, mit der alle Kontakte nachvollzogen werden können, ohne ein Mäntelchen daher, das uns noch Geborgenheit vorgaukeln könnte. Diese komitative Sphäre ist dabei, sich zu schließen und eine neue Daten-Totalität zu etablieren, der man sich nicht mehr entziehen kann.

Wenn Autos, Zugänge zu Gebäuden und Dienstleistungen, Einkäufe und Kommunikation nur noch online funktionieren, dann bedeutet die Daten-Verweigerung den praktischen Ausschluss aus der Gesellschaft. In diesem Sinne ist Corona ein gigantisches Übungsprogramm für die digitale neue Normalität bzw. Totalität.

Interessanter Weise wird diese Entwicklung begleitet von einer Diskurs-Verschiebung, die sich im Massenmedialen als eine neue Orthodoxie darstellt, die Ausschluss statt Dialog praktiziert. Und wieder verlaufen hier die Schützengräben neu und gehen die Spaltungen durch Freundschaften und Familien. Es gibt nicht wenige sich als links verstehende Menschen, die sich mit ihrer Kritik an den Corona-Maßnahmen plötzlich im Abseits oder unter falschen Freunden sehen.

Andererseits wird diese Orthodoxie auch massiv von rechts kritisiert und behauptet, “man dürfe nicht mehr alles sagen”. Zum Beispiel in der Neuen Zürcher Zeitung, die in ihrer Deutschland-Berichterstattung zunehmend neurechte Positionen einnimmt. So schreibt jüngst ein Autor unter dem Zwischentitel “Gespaltenes Land”, Deutschland scheine sich alternativlos zwischen links oder rechts,

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