Die unerwünschte Heilerin

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05-02-21 07:42:00,

Da steht sie plötzlich an meiner Tür, ich erkenne sie kaum wieder. Wie sie aussieht! Total verwahrlost, denke ich. Und dann auch noch kurz vor der Ausgangssperre. „Komm rein“, sag ich, „du bleibst doch hoffentlich über Nacht? Doch, das geht. Wir sind hier nur zu zweit, eine weitere, haushaltsfremde Person, das ist erlaubt. Ich mach uns erst mal einen Tee, Tee hilft immer. Setz dich, wärm dich, ruh dich aus. Hast du Hunger? Nein? Du siehst aber so aus, wie ein einziger Hungerhaken.“

Sie spricht nicht, das tut sie eh selten, aber heute … , sie macht mir wirklich Sorgen. Ihre Kleidung, wenn man das so nennen kann, dürftig, würde ich sagen, und geschmacklos. Grellbunt, neonfarbenes Plasikzeug, Schuhe, na ja, Latschen eher, die bei jedem Schritt irgendwie blinken, sind wohl Batterien drin.

„Haben sie dich gechipt? Oder geimpft? Was hast du mit deiner Haut gemacht? Diese Frisur, und du stinkst nach billigem Parfum, … so kenne ich dich gar nicht.“

Ihre schönen Lachfältchen um die Augen, und ja, zugegeben, die letzte Zeit auch sehr viele Sorgenfalten irgendwie, alle weg. Botox, denke ich, obwohl das nicht sein kann. Maskenhaft sieht sie aus im Gesicht. Aber ihre Augen, die sind wie immer. Funkelnd, strahlend, wie Abertausend Sterne am klaren Nachthimmel in einer schönen Sommernacht. Und doch ist da noch etwas, eine Art, fast hätte ich gesagt „heiliger Zorn“ oder eher eine wilde Entschlossenheit.

Es muß ihr alles doch recht zugesetzt haben, was man ihr angetan hat über die Jahre. Überall, aus allen Lebensbereichen, ist sie rausgeflogen. Zuerst betrogen, dann irgendwie geschändet, in ihrem Namen wurde jede Menge Schindluder getrieben, und zum Schluss immer dasselbe: Raus hier! Dabei würde sie so dringend überall gebraucht. Wo das hinführt, sieht man ja.

Ganz früher einmal, da waren alle diese Lebensbereiche Teil ihrer geistigen Heimat, könnte man sagen, bis sie zuletzt nur noch in dieser süßlichen Hollywood- und Unterhaltungsbranche tätig war. Jetzt verstehe ich auch ihren affigen Aufzug, daher also dieser ganze Kitsch. Als ich sie zuletzt sah, erzählte sie, sie werde überall, wo sie rausgeflogen war, durch eine andere ersetzt. Immer die gleiche Sorte. „Die Lüge“, sagte sie damals nur, „die Lüge!“ „Klingt ja auch ähnlich“, meinte ich dann viel zu zynisch. Doch sie lachte nicht, sie nickte nur. Sie hat recht, denke ich jetzt.

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