Wiedervereint im Neoliberalismus

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06-02-21 12:48:00,

von Jara

Ich wuchs in einem Land auf, das nicht mehr existiert. Ich hielt es für das reichste Land der Welt. Ich erinnere mich, wie ich den Spannleitenberg hinunterspringe und dieses Gefühl habe, im besten Land der Welt zu wohnen. Wir waren reich, wir waren Demokratie, wir waren Meinungsfreiheit, der Leuchtturm für Würde und Menschrechte. Ich konnte alles werden, was ich wollte. Jedes Jahr nahmen wir in der Schule den deutschen Faschismus durch und wurden erzogen, aufzustehen, sollten wir jemals ähnliche Entwicklungen wahrnehmen. Es gab einen Konsens, nie wieder sollte Krieg von deutschem Boden ausgehen und Rassismus für immer aus unseren Köpfen verbannt sein.

Zur Welt gekommen bin ich an einem Sonntag um die Mittagszeit im Jahr 1981 in einer kleinen Mietwohnung in Fürstenfeldbruck westlich von München. Der Arzt, der bei der Entbindung anwesend war, sagte meiner Mutter, jede Frau würde durch ihr Kind zur Mutter werden, und das wurde sie, so schwierig ihre Situation auch war.

Ich war drei, als wir in Kirchseeon landeten, einem Dorf im Speckgürtel östlich von München. Wir zogen in ein Haus mit drei Wohnungen, jeweils bewohnt von einer alleinerziehenden Mutter mit Tochter. Ein großer, verwilderter Garten, Wälder und Seen in der Umgebung waren die Spielplätze meiner Kindheit. Orange gekleidete Menschen mit einer Holzkette um den Hals besuchten uns. Der Vermieter arbeitete gern im Garten, während die Grazien des Hauses sich nackt in der Sonne räkelten. Er legte für jedes Kind ein Blumenbeet an, jedes Mädchen bekam einen Kirschbaum, und in seiner Werkstatt holte er aus der Schublade Süßigkeiten für uns.

Ich musste leider die Süßigkeiten oft verweigern, da wir nahezu jeden alternativen Heiltrend mitmachten und Pilze oder Sonstiges in unseren Därmen mittels Diät oder Chlorella bekämpften. Einen autoritären Erziehungsstil habe ich nie gebraucht. Wenn Mama es sagte, machte ich es. Dafür durfte ich nahezu alles: nach Hause kommen, wann ich wollte, am Geländer turnen, die Baumwipfel erklimmen und später bis in die Puppen feiern. Die Basis unserer Beziehung war Liebe und Vertrauen.

Der Blick aus meinem Zimmer erstreckte sich auf ein Tal mit einer kleinen Kapelle. Drei Birken, im Winter schneebedeckt und mit Krähen in den Wipfeln, bogen sich im Wind. Es gab in der Umgebung viele Kinder, und wir spielten Schnitzeljagd oder bauten Hütten im Wald. Und das Schönste war, zweimal im Jahr gab es Sperrmüll.

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