Ein Jahr Corona und kein Ende: „Es fehlt eine transparente Gesamtstrategie!“

ein-jahr-corona-und-kein-ende:-„es-fehlt-eine-transparente-gesamtstrategie!“

08-02-21 08:57:00,

Die „Infektionszahlen“ sinken, die Angst vor Mutanten steigt. Nach bald zwölf Monaten Pandemie zerstreuen die Bundesregierung und ihre Berater weiterhin jede Hoffnung auf eine rasche Entspannung der Lage. Statt Lockdown-Lockerung bestimmt die Gefahr einer „dritten Welle“ die Agenda. Für Statistikprofessor Gerd Bosbach fehlen dafür bisher belastbare Belege, so wie er überhaupt einen Mangel an Durchblick bei den Krisenmanagern feststellt. Statt wichtige Fragen zum Virus, der Ansteckungswege und Verbreitung zu erforschen, vergeude man Ressourcen bei der Kontaktverfolgung, schicke gesunde Menschen in Quarantäne und schössen in den Altenheimen die Todeszahlen in die Höhe. Im Interview mit den NachDenkSeiten rät der gelernte Mathematiker: „Wir müssen lernen, mit Corona zu leben.“ Mit ihm sprach Ralf Wurzbacher.

Herr Bosbach, die täglich vom Robert Koch-Institut (RKI) vermeldeten sogenannten Infektionszahlen sind seit geraumer Zeit rückläufig. Gleichwohl haben die politisch Verantwortlichen den Corona-Lockdown jüngst noch einmal verschärft und liebäugelt die Bundeskanzlerin weiterhin mit dessen Verlängerung, wenn nicht gar mit einer noch härteren Gangart zur Bewältigung der Krise. Wie wirkt das alles auf Sie?

Das ganze Vorgehen wirkt auf mich planlos. Oder zumindest erklärt man uns den Plan nicht, der vielleicht dahintersteht. Wirklich konkret wird man eigentlich nur beim angeblichen Ziel mit der Zahl von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche. Nach Meinung einer Vielzahl von Experten ist diese Inzidenz aber im Winter eine kaum erreichbare Zielgröße. Und was passiert, wenn man das irgendwie und irgendwann dann doch schafft, wurde uns bisher auch nicht gesagt. Wird dann wieder auf „normal“ geschaltet oder einiges gelockert? Und was? Wir wissen es nicht, beziehungsweise man hört dazu von den Verantwortlichen reichlich Widersprüchliches. Je näher wir der angestrebten Zahl 50 kommen, hören wir auch schon, 30, 10 oder gar 0 müsse das Ziel sein. Was ich allerdings nachvollziehen kann, ist die Angst davor, dass demnächst eine deutlich ansteckendere Virusvariante um sich greifen könnte. Aber dafür fehlen momentan noch systematische Belege.

Punktuell sind durchaus schon entsprechende Fälle aufgetreten. Für Sie reicht das noch nicht, von einer ernsten Bedrohung der neuen Virusvarianten auch für Deutschland auszugehen?

Hätte man sich in Deutschland gleich mit den neuen Erregern befasst, wüsste man jetzt schon viel mehr darüber und könnte die Gefahren besser abschätzen. Es fällt auf, dass die Politik seit Weihnachten massive Ängste vor dem Fall X äußert, aber jetzt erst damit anfängt, zu untersuchen, ob diese Mutanten bei uns vorkommen und in welchem Umfang.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: