1984 ist 2020 oder: Liebe ist Hass | Von Rob Kenius | KenFM.de

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09-02-21 07:24:00,

Ein Beitrag von Rob Kenius.

In unserer Stadt gibt es, oft in der Nähe von Kirchen oder Gemeinschaftsräumen, für alle Passanten zugängliche Schränke zum Tausch von Büchern. Sie sind von beiden Seiten mit Glastüren versehen, so dass man Bücher hineinstellen oder entnehmen kann. Das Hineinstellen ist schwieriger als das Mitnehmen; denn die öffentlichen Tauschbücherschränke sind vollgestopft. Es lohnt sich aber, hinein zu schauen, man findet immer etwas. Und wenn uns ein Buch nach kurzer Lektüre nicht gefällt, kann man versuchen, es auf dem gleichen Weg wieder los zu werden.

So fiel mir vorgestern eine Ausgabe aus dem Jahr 2019 (!) des Romans 1984 in die Hände. Obwohl ich das Buch schon vor seinem Verfallsdatum gelesen hatte, nahm ich es mit, nicht zuletzt wegen der ansprechenden Aufmachung. Da ich Bücher von der ersten Seite an lese, auch Impressum und Vorwort, erfuhr ich gleich Bemerkenswertes über den Autor:

George Orwell, mit bürgerlichen Namen Eric Arthur Blair, wurde nur 46 Jahre alt und starb im Jahr 1950, gleich nach Erscheinen seines weltbewegenden Romans, den er 1948 beendet hatte. Er hat seinen Erfolg nie erlebt.

Früher hatte ich mich gewundert, wieso Orwell die Zukunft nicht weiter vordatiert hatte. Was sind schon 36 Jahre Zukunft? Für ihn aber war das weit über sein kurzes Leben hinaus, denn er fühlte sich dem Tod nahe. Er vertauschte nur die beiden letzten Ziffern der Jahreszahl. Geschrieben 1948, Zeit der Handlung 1984.

Die meisten Autoren von Zukunftsromanen sind da vorsichtiger, sie möchten nicht so schnell durch die Realität überholt werden. So hieß es in einem bekannten Hit:

In the year 2525

if man is still alive…

Schon im Jahre 1985 betrachtete ich den Roman 1984 als überholt, weil der Generalsekretär Michail Gorbatschow so gar nicht in die Figur des Großen Bruders passte. Das Buch wurde zur Zeit Stalins verfasst und als die Sowjetunion sich friedlich auflöste, war 1984 für mich endgültig erledigt. Ohne die Tauschaktion am öffentlichen Bücherschrank hätte ich den Roman nie wieder angepackt.

Die Tauschoperation

Doch als ich das Buch wieder aufschlug, war ich schon nach drei Seiten fasziniert! Alles schien aktueller denn je.

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