Annäherung an Chinas Traum von sich selbst | Kai Ehlers

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09-02-21 10:44:00,

Über China läst sich sehr viel Unterschiedliches zusammentragen. Als Kern schält sich aber sehr schnell die bange Frage heraus, was da auf uns zukommt. Mit ‚uns‘ ist dabei jede/r einzelne und die Menschheit insgesamt angesprochen.  Geht das amerikanische Zeitalter seinem Ende entgegen und wie ginge das vor sich? Mit allmählichem Wechsel oder mit nochmaligem Aufbäumen der bisherigen „einzigen Weltmacht“? Mit stiller Expansion Chinas oder ausuferndem Kontrollanspruch von chinesischer Seite? Und welche Rolle spielt Russland in diesem Geschehen? Und schließlich Europa? Wird der europäische Entwicklungsweg in Richtung auf die Selbstbestimmung des Einzelnen durch die heutigen Umgruppierungen in Frage gestellt?

Einfache Antworten auf diese Fragen könnten sich aufdrängen, wenn man den politischen Verlautbarungen glaubt: Hier Joe Biden, der als neuer Präsident die Rückkehr zu einem „Amerika der Stärke“ gegenüber China und Russland ankündigt. Dort Xi Jinping, der den „Traum vom Sozialismus chinesischer Prägung“ weltweit verwirklichen möchte. Demokratie hier? Diktatur dort? Konfrontation? Und Russland sowie Europa irgendwie dazwischen?

Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen,  wohin die Neuausrichtung der Politik treibt. Aber die Fragen sind nicht nur an die Politik zu richten. Was mit China heraufkommt, ist nicht nur ein ökonomischer, nicht nur ein politischer Konkurrent in einer sich machtpolitisch neu gruppierenden Weltordnung. Es ist das Wetterleuchten einer noch nicht klar erkennbaren, aber neuen Kultur des Sozialen, die sich am Horizont ankündigt. Und dieses Wetterleuchten ist nicht auf China begrenzt. Als „great reset“ erfasst es den ganzen Globus.

Was sich da gegenwärtig als Kontrollstaat chinesischer Prägung zeigt, ist zweifellos erschreckend und für den europäischen Geist inakzeptabel. Aber es reicht nicht, mit dem Finger auf ein autoritäres China zu zeigen. Wir müssen verstehen: der Kontrollstaat chinesischer Prägung ist Ergebnis der Vermischung traditioneller chinesischer und europäischer, letzteres heißt, liberaler, marxistischer und auch autoritärer Kultur.

Und wie wir für die europäische Kultur zwischen aufklärerischen, liberalen und autoritären Elementen differenzieren müssen, die in das eingegangen sind, was wir heute „Demokratie“ nennen, so muss auch für die gegenwärtige Kultur Chinas differenziert werden, was in sie eingegangen ist, um angstfrei und mit Antworten für die Zukunft mit der Frage umgehen zu können, was mit dem wachsenden China auf uns zukommt.

Ein krasses aktuelles Zeugnis für die gemischte Kultur des heutigen China bieten die Ausführungen Xi Jinpings, nachzulesen in dem von der Partei herausgegebenen Buch „China regieren“, das seine Reden aus den Jahren 2012 bis 2014 enthält.

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