Das unerwünschte Grundrecht

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12-02-21 12:27:00,

Am Mittwoch, dem 18. November 2020, machte ich mich mit meiner Mutter und einigen ihrer Freunde auf den Weg nach Berlin, um an einer Demonstration gegen die Veränderung des Infektionsschutzgesetzes teilzunehmen. Ich entschied mich spontan, mit ihnen dorthin zu fahren, anstatt die Schule zu besuchen, weil mir, nachdem ich den Gesetzesentwurf durchgelesen hatte, klar wurde, dass bei der Verabschiedung dieses Gesetzes meine Freiheit und unsere Grundrechte bedroht werden. Darum entschloss ich mich, dass mir die Demonstration für diese wichtiger war als ein Tag in der Schule.

Weil es die erste Demonstration war, die ich je besucht hatte, war ich etwas aufgeregt. Nachdem wir unser Auto geparkt hatten, gingen wir zu Fuß zum Demonstrationsgelände. Wir schauten uns zunächst verschiedene Standorte an und entschieden uns letztlich für einen, der nicht übermäßig belebt war und von dem aus wir dennoch vieles mitbekommen konnten. Ich beobachtete die Menschen. Viele schienen sehr glücklich darüber zu sein, auf Gleichgesinnte zu treffen; andere wirkten betrübt darüber, dass das Gesetz womöglich verändert wird.

Ich sah Menschen verschiedensten Alters, Geschlechts und Herkunft, auch einige sehr alte Menschen, für deren Erscheinen ich viel Respekt hatte. Viele Demonstranten trugen bunte Kleidung, hielten Luftballons in Herzform und Schilder mit friedvollen Sprüchen hoch. Es war erstaunlich, so viele natürliche, wahrhaftige, liebevolle und aufgeklärt wirkende Menschen auf einmal zu sehen. Diese Eindrücke halfen mir, eine Nachricht zu vergessen, die ich schon auf dem Weg nach Berlin gegen neun Uhr erhielt.

In dieser Nachricht schrieb mir eine Freundin, dass sie am folgenden Tag nicht gerne in meiner Haut stecken würde, denn bereits zu diesem Zeitpunkt wusste meine gesamte Schule, ein Gymnasium in der Nähe von Hamburg, dass ich eine Demonstration besuchen würde, obwohl ich nur zwei Freundinnen davon erzählt hatte.

Diese zwei erzählten es dann auch jeweils zwei weiteren Freunden, und so verbreitete sich die Information wie ein Lauffeuer über alle Jahrgänge bis ins Lehrerzimmer hinein.

Der darauffolgende Tag begann damit, dass ich mit dem Schulbus fahren musste. Meine Freundin, die mich normalerweise in ihrem Auto mit zur Schule nimmt, fand den engen Kontakt zu mir zu riskant, nachdem ich auf der Demonstration mit „so vielen Menschen auf engem Raum stand“. Das war der erste Moment an diesem Tag, in dem ich mich wunderte, warum Freunde über meinen Demonstrationsbesuch urteilten, ohne mich nach Fakten zu fragen.

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