Ich kann halt lieben nur, und sonst gar nichts … | KenFM.de

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20-02-21 05:14:00,

Ein Beitrag von Dirk C. Fleck.

Der erste Schnee. Die Stadt liegt wie betäubt unter dem weißen Laken. Hamburg erträumt sich unter einem tiefblauen Himmel zu neuer Unschuld. Selbst die Autos haben das zu respektieren, sie geistern sozusagen auf Zehenspitzen herum. Das Bellen eines Hundes klingt, als verlöre es sich in einem weiten Tal. Ich stehe auf dem Balkon und atme – atme tief und regelmäßig. Der Winterwind legt sich auf mein Gesicht, als wollte er mich vor Kälte schützen. Nach einer Weile schnappe ich mir meinen Mantel, haste die Treppen hinunter und geselle mich zu den zahlreichen Spaziergängern, die trotz der herben Corona-Maßnahmen nichts vermissen. Das Geräusch unserer Schritte in dem harschigen Schnee scheint uns auf magische Weise zu verbinden.

Ich lasse mich bis in den Innocentiapark treiben und stelle mich in die Sonne. Von einem vereisten Hügel purzeln in wattierte Nylonanzüge gepackte Kinder wie Gummibärchen herunter. Die Mütter stehen daneben und beobachten, welchem der Kleinen wohl meine besondere Aufmerksamkeit gilt. Ich kann mich nicht entscheiden, es ist niemand dabei …

Während ich dort stehe, eingewickelt in das fröhliche Kindergekreisch, habe ich das unmissverständliche Gefühl, in diesem Körper nur vorübergehend anwesend zu sein. Ich spüre, wie die Hülle altert, wie sie sich bereit macht, mich wieder freizugeben. Fühlt sich gut an, zumal ich dank dieses geschenkten Wintertages mit meinen Mitmenschen endlich einmal wieder im Einklang bin. Sie haben sich nicht grundsätzlich verändert, aber ich bin ihnen wieder nahe, ich gehe nicht auf Distanz. Am Rande des Parks bückt sich eine alte Frau über eine frisch gegossene Betonmauer, schaut ihr in die Poren. Sie hat Schmerzen im Kreuz, hält sich den Rücken. Eine Betonmauer! Warum betrachtet sie nicht den Busch, dem diese Mauer auf die Füße tritt und dessen Schreie nicht zu überhören sind? Egal, ich mag sie in ihrer verqueren Versenkung.

Auf dem Weg zur Alster begegnet mir eine Frau, deren aufrechter Gang mich beeindruckt. Sie ist schön. Den begehrlichen Blicken der Männer begegnet sie mit dem Gedanken: „Ich schenke Leben, aber nicht für dich, auch nicht für dich und für dich auch nicht.“ Niemand tritt ihr zu nahe. Ich muss schmunzeln, als wir aneinander vorbei gehen, sie lächelt kaum merklich zurück.

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