Zivilisation im Korsett

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20-02-21 11:33:00, I.

Es war im Frühjahr 2020. Die Fachanwältin für Medizinrecht Beate Bahner scheiterte mit ihrer Klage gegen die Grundrechtseinschränkungen. Im Gesprächskreis, an dem ich mich beteiligte, ein linker Gesprächskreis seinem Selbstverständnis nach, brach daraufhin Jubel aus. Einer rechten, sozialdarwinistischen Freiheitsideologie sei der Riegel vorgeschoben worden. Etwas später verteidigte ein ausgewiesen linker Kritiker des Neoliberalismus sein Schweigen während langer Coronawochen mit dem Hinweis darauf, dass im Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen der neoliberale Freiheitsbegriff anzutreffen sei.

Sucht dieser Text nach dem Kern des zivilisatorischen Super-GAUs, so spielt das Versagen der Linken dabei eine prominente Rolle. Ob die Linke versagt hat oder ob die Rede vom Versagen letztlich auf einer Projektion oder gar einer Schimäre beruht und die Linke bezogen darauf, was wirklich in ihr angelegt war und ist, gar nicht versagt hat oder, je nach Optik, gar nicht anders konnte und versagen musste, dem wird ebenso nachgegangen — nicht historisch, das mögen andere erledigen, sondern in einem essayistischen Gedankengang. Die gedankliche Hauptlinie vollzieht sich allein im Lauftext. Die Anmerkungen weiten da und dort aus, belegen Ausgeführtes beispielhaft, veranschaulichen und konkretisieren.

Die Frage nach dem Versagen der Linken ist deshalb keine Frage am Rande, weil der Zusammenbruch der Zivilisation, an dessen Rand sich dieses Versagen abspielt, sich womöglich als Ende der Menschheit oder des Homo sapiens erweisen wird und weil eine Linke, ideal gedacht und real gegeben — beides indes ist bereits ein Knackpunkt, der das Linkssein wesentlich betrifft —, dieses Ende der Menschheit im besten Fall hätte verhindern können.

Womöglich führt die Reflexion zu Erkenntnissen, die am Ende zwar nicht „etwas Linkes“ rettet — das ist auch nicht beabsichtigt und angesichts der Lage wohl obsolet —, aber immerhin dem Ende noch einen Grund nachschiebt. So viel und so wenig hätte die Menschheit vielleicht verdient, und etwas Pathos darf sein, solange es nicht in Kitsch ausartet. Dass ein Ende der Menschheit mit Figuren wie Blair, Schröder und Fischer, erst recht aber mit dem gegenwärtigen Personal von Linken, SPD und Grünen — außerhalb Deutschlands steht es kaum besser — nicht aufzuhalten ist beziehungsweise gewesen wäre, das mag schnell einleuchten. Danach wird es komplexer.

Für den Fortgang der Lektüre setzen wir also ein „linkes Etwas“ voraus, man mag es als Gerechtigkeit, sozialen Ausgleich, vielleicht sogar als Solidarität unter gleichberechtigten autonomen Subjekten fassen und den Weg dahin als Emanzipation.

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