Die Schönheit in der Krise

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23-02-21 07:51:00,

Unsere Welt ist oberflächlich und banal geworden. Jeder Anflug von Mystik, von Erhabenheit und von Feinsinnigkeit wird umgehend totgeschlagen, und das bereits in unseren eigenen Gedanken und Empfindungen. Idealismus: etwas für naive Menschen. Religiosität: etwas für ungebildete Menschen. Mitgefühl: etwas für Masochisten. Schönheit: etwas für Traumtänzer, die die simplen Gleichungen, die physikalischen Gesetzmäßigkeiten und die biochemischen Vorgänge nicht kennen, die das Empfinden von Schönheit erzeugen. Und das doch nur in uns, in unserer Wahrnehmung, in unserer Vorstellung, in unserer Einbildung. Denn „dort draußen“ existiert keine Schönheit. Nichts ist an sich schön, nichts ist aus sich selbst heraus schön. Das gibt es nicht, und wer das doch glaubt, der weiß halt nichts. Damit ist das Thema Schönheit für viele beendet.

Die Wirklichkeit zeichnet jedoch ein ganz anderes Bild. Wenn wir uns nur einen Tag lang selbst aufmerksam beobachten, können wir sehen, wie ergreifend und berührend die Schönheit ist, sobald sie uns „dort draußen“ jäh begegnet. Ein zufälliger Blick auf eine Rose am Wegesrand erzeugt ein flüchtiges, aber sehr tiefes Wohlgefühl, und wenn man dann auch noch so geistesgegenwärtig und vernünftig ist, um an der Rose zu schnuppern, wird unser ganzes Wesen von jetzt auf gleich von einer stillen Freude ergriffen.

Das Lächeln eines Kindes erfüllt uns mit derselben Freude. Der anstimmende Chor in einer Symphonie beschert uns einen Schauder. Die Farbenpracht des Blätterwaldes im Herbst ist ein Genuss für das Auge. Das saftige Grün des Sommers, diese reiche Fülle der Natur, bereichert unsere Gesundheit und unsere Stimmung. Ein liebevolles Wort erhebt unser ganzes Wesen — und das geschieht immer, ganz gleich, wie es uns zuvor ging.

Das Geheimnis der Optimisten liegt nicht darin, dass sie etwas Schönes sehen beziehungsweise empfinden, was nicht da wäre. Ihr Geheimnis ist sehr viel tiefgründiger. Es offenbart sich unter anderem, wenn man das Wort „schön“ näher betrachtet.

„Schön“ gehört zur Wortgruppe von „schauen“ und bedeutete ursprünglich „ansehnlich; das, was gesehen wird“. Schön kommt also nicht ohne schauen aus, wenn man es richtig verstehen will. Also schauen wir auch unter „schauen“ nach: Schauen ist laut Wortherkunft nicht automatisch synonym mit „sehen“, auch wenn es landläufig so verwendet wird. Schauen bedeutet weit mehr, nämlich das absichtliche Blicken oder Beobachten und — in gehobener Sprache — sogar das innere, geistige Sehen (1).

Das heißt, Schönheit ist abhängig vom „gerichteten“ Schauen,

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