Die Mathematik der Angst

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24-02-21 11:29:00,

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass etwa die Hälfte der Deutschen Artikel liest, in deren Überschrift das Wort „Inzidenz“ erscheint? Diese Überbetonung des Begriffs kann man sicher mit Fug und Recht als kulturelle Deformation oder als kollektive Perversion bezeichnen.

Eigentlich haben ja die Mathematiker die Oberhoheit über den Begriff Inzidenz: Er bezeichnet die Tatsache, dass ein Punkt auf einer Geraden liegt. Es geht also um Zugehörigkeit. Doch auch die Medizin und mit ihr die Virologie kennen diesen Begriff. Da die Virologie die neue Mathe ist, stellt der Online-Duden nun folgende Begriffserklärung an die erste Stelle:

„Inzidenz: Anzahl der neu auftretenden Erkrankungen innerhalb einer Personengruppe von bestimmter Größe während eines bestimmten Zeitraums“.

Die „Personengruppe“ sind die Deutschen plusminus ein paar Millionen, die hier sonst noch so leben. „Hier“ ist das Staatsgebiet, dessen Fläche ist der einzige Zahlenwert, der wirklich halbwegs bekannt ist — spielt aber keine Rolle bei den Rechnungen spielt. Der Inzidenz-Zeitraum für das Corona-Virus sind 10 Tage, dann gilt man abrupt als virenfrei oder man ist verstorben. Die Zahl der Virenfreien und der Verstorbenen liegt zwischen 0 und 83 Millionen.

Während der Duden von „Erkrankungen“ spricht, zählt das Robert Koch-Institut (RKI) nicht dudengerecht, denn es zählt positiv Getestete und Erkrankte zusammen, sodass sie nicht mehr unterscheidbar sind. Das RKI unterscheidet also in seinen öffentlichen Statistiken nicht zwischen „wir finden im Körper eines Menschen Genschnipsel eines Virus“ und „dieser Mensch ist erkrankt“ — obwohl dies die Debatte um das Virus deutlich verbessern könnte und auch seit fast einem Jahr angemahnt wird. Dies entspricht immerhin dem DDR-Fremdwörterbuch von 1977, wo unter Inzidenz „Einfall, Vorfall“ steht.

Der West-Brockhaus von 1989 kennt Inzidenz nicht als medizinischen Begriff, aber das zugehörige „Deutsche Wörterbuch“ vermerkt „das Eintreten (eines Ereignisses), Vorfall“. Und in der Tat tritt etwas ein, wenn man positiv getestet wird — allerdings seltener etwas Medizinisches, zwingend aber etwas Administratives, nämlich die Anordnung einer Quarantäne.

Jegliche politische Entscheidung wird derzeit mit dem Inzidenz-Wert begründet. Im Sommer galten 50 als Ziel, dann wurden plötzlich bereits ab 35 Maßnahmen eingeleitet, dann wurde die magische 100 für neue Maßnahmen benutzt, dann 200. Irgendein hilfloser Politiker, der tatkräftig erscheinen will, erfindet immer wieder neue Zahlen. In meiner Heimatstadt setzte der Oberbürgermeister zum Beispiel einfach die Zahl 300, ab der Kitas geschlossen werden. Diese Zahlen basieren immer auf der Behauptung,

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