Leben und sterben lassen

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25-02-21 09:26:00,

Immer mehr Menschen in Deutschland halten eine Vielzahl der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie für fragwürdig. Wie angemessen die Schließung von Restaurants und Läden ist, die nachweislich nie Superspreader-Locations waren, gibt ihnen Rätsel auf. Warum Alkoholverbote, Ausgangssperren und Maskenpflicht beim Rodeln notwendig sind, erschließt sich ihnen auch nicht. Dabei geht es doch um eine ganz große Sache: um den Schutz des menschlichen Lebens. Um Menschenwürde folglich.

Dieses Argument hört man seit Beginn der Maßnahmenergreifung ständig. Besonders in den letzten Wochen, da die Zahl der Toten anstieg, die irgendwie in Verbindung mit dem Coronavirus standen, wurde diese Begründung wieder reaktiviert. Dabei hat menschliche Würde gar nicht per se mit dem Leben zu tun. Das Grundgesetz spricht ja auch nicht von der Würde des lebenden Menschen, sondern des Menschen allgemein. Das beinhaltet folglich weit mehr.

Wann ist eigentlich jemand ein Mensch? Das ist eine Frage, die das Gewissen von Parlamentariern in den letzten Jahrzehnten immer dann herauskitzelte, wenn es um Fragen des Schwangerschaftsabbruchs ging. Einig waren sich Befürworter wie Gegner dieses Eingriffs in einer Sache aber eigentlich stets: Der Mensch ist Mensch, bevor er geboren wird. Daher spricht man auch vom „ungeborenen Leben“. Dasselbe gilt aber auch am Ende eines jeden Lebens: Einen Verstorbenen sehen wir noch als menschliches Wesen — unbelebt zwar, aber deswegen dennoch menschlich.

Menschsein ist gewissermaßen auch ein Stück weit ein Konzept. Der Atem in den eigenen Lungen grenzt nicht von der Exklusivität des Menschseins aus. Auch ohne Atemluft gilt man insofern als menschliches Wesen. Daher beerdigen wir Verstorbene auch aufwendig, verzieren deren letzte Ruhestätte, treten vor den toten Körper und richten vielleicht letzte Worte an ihn — und werfen den leblosen Körper nicht etwa einfach auf eine Halde organischer Abfallstoffe.

Dieses Konzept, auch in physisch nicht mehr anwesenden Menschen eben einen Menschen zu erkennen, macht Gesetze wie die Störung der Totenruhe erklärbar: Offenbar gehört es zum kulturellen Menschheitserbe, auch den Toten eine gewisse menschliche Berechtigung zuzusprechen. Pietät nennt sich das. Und in vielen Gegenden Deutschlands nennen sich Bestattungsunternehmen auch so: Pietät. Denn eine solche dem Toten und seinen Angehörigen zu ermöglichen ist der eigentliche Geschäftsauftrag dieser Branche.

Kurz gesagt: Menschenwürde geht dem Leben voran — und über das Leben hinaus.

Den Schutz des menschlichen Lebens als die Kernkompetenz der grundgesetzlich in Aussicht gestellten Menschenwürde einzuordnen ist eine ausgesprochene Vereinfachung und Verknappung dieses ersten Grundrechtsartikels.

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