Sind Ökonomen die neuen Hohepriester?

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25-02-21 08:51:00,

Heute akzeptieren wir bereitwillig, dass alles vermarktet werden kann. Die Ursache dafür ist, dass Ökonomen mit ihren Theorien zu einer Art Ersatzreligion geworden sind, die unser Denken korrumpiert und uns dazu bringt, uns egoistisch und destruktiv zu verhalten. Diese These vertritt der britische Ökonom Jonathan Aldred[*] in seinem Buch „Der korrumpierte Mensch. Die ethischen Folgen wirtschaftlichen Denkens“. Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen.

Aldred ist der Auffassung, dass die Verhaltensweisen der Menschen in neoliberalen, kapitalistischen Gesellschaften ganz wesentlich durch die Theorien und Menschenbilder der Wissenschaft von der Ökonomie geprägt sind. Allerdings von Theorien und Menschenbildern, die in vielen Fällen einer empirischen Überprüfung nicht standhalten würden – aber trotzdem als politische Handlungsgrundlage dienten. Dazu hat er auch einen schönes Bonmot parat:

„Vielleicht kennen Sie diesen Witz: Ein Ökonom ist jemand, der fragt: ‚Das ist ja in der Praxis alles ganz schön und gut, aber wie funktioniert es in der Theorie?’ (S. 27)“.

Nach Aldred hält sich die Wissenschaft von der Ökonomie (im Folgenden nach Aldreds Terminologie „Ökonomik“ genannt) für eine exakte Wissenschaft wie die Physik, Chemie oder Mathematik. Sie sei aber keine, sondern eine Ansammlung von Glaubenssätzen und Theorien, die die Wirklichkeit ignorierten:

„Eine weitere Folge des zwanghaften Drangs von Ökonomen, sich selbst als Wissenschaftler zu sehen – und gesehen zu werden – ist ihre Verdrängung der Tatsache, dass die Ökonomik von politischen und moralischen Ideen durchdrungen ist“ (S.386).

So würde zum Beispiel die orthodoxe (= „rechtgläubige“) Ökonomik, also die vorherrschende, neoliberale Fraktion in der Ökonomik, dem Markt moralische Fähigkeiten zuschreiben. Auf dem Markt kämen nach dieser Auffassung nur Transaktionen zustande, die beiden Parteien eines Geschäfts nützen würden – und deshalb gerecht seien. Denn:

„Das Argument, dass beide Parteien einer freiwilligen Transaktion durch sie bessergestellt werden müssten, da sie sonst nicht stattfinden würde, wird herangezogen, um jede Sorge um Gerechtigkeit, Fairness, Verantwortung, Ausbeutung und so weiter fortzuwaschen“ (S. 387).

Mit anderen Worten: Weil Niedriglohnbezieher „freiwillig“ den Arbeitsvertrag unterschrieben haben, werden sie auch gerecht entlohnt. Denn sonst hätten sie ja nicht unterschrieben. Dass aber z. B. rumänische Arbeiter in der Fleischindustrie so einen Vertrag nur unterschrieben haben, weil die Verhältnisse sie dazu zwingen, sie also keine Wahl haben, wird in diesen Theorien ignoriert. Nichtsdestotrotz, so die zentrale These von Aldred,

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