Blick auf Chinas traditionelle Werte | Kai Ehlers

blick-auf-chinas-traditionelle-werte-|-kai-ehlers

26-02-21 10:09:00,

Noch einmal China, nachdem wir aus dem vorangegangenen Treffen mit der Frage herausgekommen sind, was gemeint sein könnte, wenn die chinesische Führung heute den Geist traditioneller Werte beschwört. Die Frage dürfte nach den Umbrüchen des letzten Jahrhunderts und angesichts der gegenwärtigen Modernisierungskampagnen in China schon für die chinesische Bevölkerung selbst nicht leicht zu beantworten sein. Umso mehr stellt sich natürlich die Frage, was  dabei herauskommen kann, wenn Europäer sich auf die Suche nach dem historischen Geist Chinas machen. Kann mehr dabei herauskommen als ein vorsichtiges Tappen im Dunst einer im Westen nahezu unbekannten Geschichte?  

Kommen wir gleich auf die wichtigste Hürde: Die Schrift! Schon Russland liegt ja jenseits des europäischen Alphabetes. Aber erst China! Chinas Geist ist hinter 50.000 Zeichen verborgen. Auch wenn heute nur zwischen 2000 und 4000 Zeichen im Alltag gebraucht werden, ist die darin lebende Welt für Europäer doch immer noch nicht mit der für Europäer gewohnten einfachen Kombinatorik von Buchstaben erreichbar – erreichbar wird sie erst für diejenigen, die bereit sind sich auf eine Welt einzustellen, die sich in Andeutungen, in Assoziationen, in beständiger Wandlung und Übergängen bewegt, oder sagen wir, die sich durch das verständigt, was  n i c h t  in 26 Buchstaben definierbar ist – und dabei doch zu gleicher Zeit ein pragmatisches Verhältnis zur Wirklichkeit entwickelt hat.

Erlaubt uns deshalb ein paar Schritte der Annäherung vorzustellen.

Schaut Euch dazu diese Tabelle an, die einen kleinen Ausschnitt aus der Fülle der Zeichen zeigt.

http://www.china-park.de/sprache/chinesische-basis-schriftzeichen/

Wer Lust und Zeit hat, kann auf den Link gehen, wo die Zeichen und ihre detaillierten Erklärungen und Verwandlungen einzeln aufrufbar und bespielbar sind. Exemplarisch ist die zweite Zeile, in der die Verwandlung des Zeichens für ‚Mensch‘ (auf zwei Strichen stehendes Dreieck) zu verfolgen ist. 

Am Ende stehen wir vor einer kalligraphischen Kultur, die aus einer reichen meditativen Bilderwelt hervorgeht. Wir schauen auf Bilder, auf  denen der frei gelassene Raum, durch wenige Pinselstriche markiert, die eigentliche Botschaft ist.

Dazu lesen wir einen Spruch von Laotse wie den folgenden; es ist der elfte, nachzulesen im Tao Te King, einer Spruchsammlung aus dem 6. Jahrhundert vor Christi Geburt:

 

Dreißig Speichen  umgeben eine Nabe:

In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.

Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen:

In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: