Die rettende Arche

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27-02-21 02:25:00,

„Weil wir das frühe Opfersein nicht mehr fühlen können oder wollen, entwickeln wir Opferhaltungen und andere Trauma-Überlebensstrategien. Auf diese Weise klagen wir vergeblich alten Mangel ein und machen — meist ohne es merken — wieder andere zu unseren Opfern. Zum Täter werden wir auch an uns selbst. Und an der übrigen Natur.“ So formuliert es die Pädagogin Stefanie Balk frei nach dem Psychologen Franz Ruppert in einer Kartenaktion, die sie ins Leben gerufen hat (1).

So weit wir zurückdenken, sind wir uns selbst nicht gut. Schon in der Wiege unserer Kultur verführte Eva Adam und erschlug Kain seinen Bruder Abel, weil er ihm in der Sonne stand. Es folgten Krieg auf Krieg, Gewaltakt auf Gewaltakt, Opfer auf Opfer. Alle nur erdenklichen Übel ergossen sich über uns und die Hoffnung blieb in der Büchse der Pandora zurück. Seit dem Beginn unserer Zivilisation gleiten wir unaufhörlich in die Opferrolle: Opfer von Irrtümern, von Lüge und Täuschung, Verrat und Hinterhalt. Kaum dass wir dem Paradies den Rücken gekehrt hatten, verdrehten und verzerrten sich die Dinge vor unseren Augen und erschienen uns nicht mehr als das, was sie wirklich sind.

Platon veranschaulichte es mit seinem Höhlengleichnis: Wir sehen nicht die Wirklichkeit, sondern die Projektion unserer eigenen Schatten. Seit Urzeiten kämpfen wir gegen Windmühlen an, die wir für Riesen halten wie der Ritter der traurigen Gestalt aus der Mancha und wollen nicht wahrhaben, dass wir im wahrsten Sinne des Wortes einen Knick in der Linse haben. Wir sehen Gespenster. So bilden wir uns seit jeher ein, schlecht zu sein: arme Sünder, die das Paradies nicht verdient haben; missratene Kreaturen, die ihrem Nächsten ein Wolf sind; verbesserte Affen, deren Defekte künstlich behoben werden müssen; unbedeutende Rädchen im Getriebe, die man beliebig austauschen kann; Virenschleudern, die besser daran täten, überhaupt nicht zu existieren und wieder von der Erdoberfläche zu verschwinden.

Schwer traumatisiert von unserem vernichtenden Selbstbild und den Handlungen, die sich daraus ergeben, machen wir immer wieder zunächst uns selbst und dann andere zu unseren Opfern und vernichten dabei unseren eigenen Lebensraum, ohne es zu merken. Denn wer unverarbeitete Verletzungen mit sich herumträgt, dem ist nicht bewusst, was er anderen antut. Er nennt seinen Angriff Verteidigung und schreckt nicht davor zurück, alle möglichen Waffen aufzufahren, um seine eigenen Wunden im Eifer des Gefechts nicht zu spüren. So sind wir über die Jahrtausende zu einer Gemeinschaft schwer gestörter Einzelwesen zusammengewachsen,

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