Mensch und Mythos

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02-03-21 12:41:00,

Die literarische Fiktion geht aus der schöpferischen Einbildungskraft hervor, „die den wirklichen Boden der Erde nicht verlässt und mit dem Maßstab des Wirklichen und Erkannten zu geahnten, vermuteten Dingen schreitet“ (Goethe zu Eckermann). Die utopische Information hingegen geht vom Wirklichen und Erkannten aus und strebt mit dem Maßstab der Ausgewogenheit zur zweckdienlichen Täuschung. — Romane und Gedichte tragen mehr zur Wahrheitsfindung bei als Zeitung, Rundfunk, Fernsehen und sämtliche Daten-Highways.

Das Pendant zur utopischen Berichterstattung ist die authentische Literatur. Während der Journalist im Namen der Objektivität Ereignisse und Tatbestände wiederaufbereitet und damit zwangsläufig verfälscht, ist der Schriftsteller einer radikalen Subjektivität verpflichtet, die seine Aussagen echt und glaubwürdig macht. Wirklichkeit kann mittels utopischer — das heißt unwirklicher — Information nicht gültig beschrieben werden. Ohne authentische Literatur ist die Welterkenntnis fragwürdig geworden. Die literarische Fiktion ist authentischer als die utopische Information.

Der Schriftsteller hat eine Gesinnung, der Kritiker eine Meinung und der Journalist eine Meldung.

Das von der Verfassung garantierte Grundrecht der Medien zur Beschaffung und Verbreitung von Informationen und zur freien Meinungsäußerung wird durch den neoliberalen Fast-Food-Journalismus pervertiert. Bilderflut und Info-Mix sind verantwortlich für die heutige Amnesie der Medien. Wenn derart oberflächlich über alles Mögliche berichtet wird, bleibt nichts Wesentliches haften: Wir sehen, hören, lesen – und vergessen. Der Journalismus, wie er meist praktiziert wird, ist kein Instrument der Wahrheitsfindung mehr, sondern im Gegenteil ein Mittel der Mächtigen, die Wahrheitsfindung zu erschweren. Die Ausgewogenheit der Berichterstattung steht im Dienst einer zynischen Unverbindlichkeit und schützt unser Gesellschaftssystem, den utopischen Kapitalismus, vor grundlegenden Veränderungen.

Was der Journalismus leistet, genügt nicht mehr:

Die Medien, allen voran die elektronischen, sind trotz ihres demokratischen Anspruchs weitgehend zu tragenden Stützen des selbstmörderischen Systems verkommen.

Die Bilder ziehen an uns vorbei, die Meinungen sind gemacht und dienen nur noch dem Zweck der Unterhaltung. Wir sehen nicht weg, doch wir schauen auch nicht hin. Wir lesen, doch wir verstehen nicht. Wir denken, aber wir fühlen nichts. Alles geht seinen Lauf, wir stehen stumm und verängstigt, überzeugt von der eigenen Bedeutungslosigkeit, von der eigenen Machtlosigkeit, und handeln nicht mehr. Das ist der Fatalismus des heutigen Menschen, das ist sein Zynismus. Und dieser Zynismus ist bloß das Feigenblatt seiner abgrundtiefen Resignation. Die globalisierte Seele ist eine gebrochene Seele. Du musst dir den globalisierten Menschen als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

Die Zeitung — der blinde Fleck der Zeit.

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