Der vergessene Lehrmeister

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04-03-21 08:37:00,

Mahatma Gandhi ist durch die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen sowohl als Mahner als auch als Vorbild für strikte Gewaltlosigkeit wieder in die Aufmerksamkeit gerückt. Viele haben dabei bemerkt, dass allein der Anblick dieses außerordentlichen Menschen eine Art Freude und Zuversicht spendet. Dieses Gesicht berührt wohl jeden Menschen. Natürlich gibt es Unterschiede, wie sehr diese Berührung zu Bewusstsein kommt und was sie auslöst. Von Winston Churchill ist seine Abneigung gegen den „aufrührerischen Fakir“ bekannt, der es wagte, „halb nackt“ mit den Kolonialherren zu verhandeln.

Mit der Betrachtung seiner Person, seiner Rolle und den Umständen seiner Wirksamkeit möchte ich in diesem Text ausgewählte Aspekte herausarbeiten, die wir in die Gegenwart übertragen können.

Was tat Gandhi? Es ist wohl tatsächlich sehr wesentlich ihm zu verdanken, dass die Kolonialherrschaft Englands über Indien so schnell und relativ unblutig endete. Der gewaltlose Widerstand und seine moralische und ethische Überlegenheit gegenüber Gewalt spielten dabei eine zentrale Rolle. Gandhi nahm sich die Freiheit — man kann auch sagen, er hatte den enormen Mut —, den anderen, den Gegner, ebenso wie sich selbst als Menschen zu betrachten. Mahatma Gandhi setzte in diesem Sinn nicht auf Kampf, sondern auf Entwicklung — und zwar primär auf spirituelle Entwicklung.

Um dies zu verdeutlichen, möchte ich hier eine Aussage Gandhis als zentralen Satz herausgreifen: „Du und ich: Wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“ Damit formulierte er eine tiefe Sicht auf das, was die indische Philosophie und Spiritualität als Selbst, als Seele, als Atman bezeichnet. Der Gandhi verliehene Ehrentitel „Mahatma“ bedeutet Maha Atman, Große Seele, im Sinne dessen, was man vielleicht als Erleuchtung, als eine Stufe der spirituellen Verwirklichung bezeichnen kann.

Gandhi betrachtete die Behandlung der Inder durch die Engländer als Verletzung eines universalen Gesetzes. Dieses besagt, dass der Mensch durch seine Seele nicht rein irdisch-materiellen, sondern höheren Zielen geweiht ist.

Diese immanente Göttlichkeit des Menschen könnte man als einen Kernaspekt der Würde bezeichnen. Gandhi empfand — um es unseren Termini anzunähern — durch die Herrschaft der Engländer über die Inder die Würde verletzt. Die Würde ist nicht materiell, sie beschreibt einen universellen und universalen Wert.

Im herkömmlichen Verständnis würden wir diagnostizieren, dass die Kolonialmacht dem beherrschten Volk durch Steuern, durch Unterdrückung, dadurch, dass der Mensch zum Objekt degradiert wird, und so weiter die Würde raubt.

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