Die Technisierung des Menschen

die-technisierung-des-menschen

04-03-21 09:22:00,

Als ihr besonderes Merkmal nennt Schwab die zunehmende Verfügbarkeit und Verschmelzung neuer, ganz außergewöhnlicher Technologien, was schließlich dazu führe, dass „die Grenzen zwischen der physikalischen, der digitalen und der biologischen Sphäre verschwimmen“ werden (2). Das betrifft in erster Linie den Einsatz der Bio- und Neurotechnologien, der implantierbaren Technologien sowie des Internets der Körper (IoB).

Es handelt sich dabei um Technologien, die weniger auf die Umwelt des Menschen, sondern vor allem auf die Veränderung des Menschen selbst ausgerichtet sind, die einen nachhaltigen Einfluss auf sein Wesen und seine Identität haben werden. Mit der Vierten Industriellen Revolution — so Schwab — stehe uns „eine Veränderung des Menschen bevor, wie wir sie noch nie zuvor erlebt haben“ (3).

Der Traum von einem neuen, vollkommeneren Menschen hat eine lange Geschichte. Bereits vor über zweitausend Jahren rief Jesus die Menschen dazu auf, ihr Leben grundlegend zu ändern. Dazu sollten sie vor allem auf das eigensüchtige Streben nach materiellem Reichtum sowie auf die Anwendung von Gewalt verzichten, um auf diese Weise eine neue, gerechte und friedliche Welt zu schaffen.

Auch Friedrich Nietzsche ging es um eine grundsätzliche Änderung der Lebensweise der Menschen. So wandte er sich wiederholt gegen die geistige Anspruchslosigkeit und Selbstzufriedenheit seiner Zeitgenossen. Für die dumpfe Behaglichkeit des in seinem kleinen Glück lebenden Massenmenschen hatte er nur Verachtung übrig. Dieser Mensch und diese Kultur müsse überwunden werden. Die neuen und höheren Menschen der Zukunft sollten dagegen stark sein, die Widersprüche des Lebens aushalten und über die nötige Willenskraft verfügen, um über sich selbst hinauswachsen zu können.

Karl Marx schließlich sah das Bild von einem neuen Menschen in dem nach Emanzipation strebenden Lohnarbeiter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, denn trotz unbestreitbarer Fortschritte in Wissenschaft und Technik sei der Kapitalismus nicht in der Lage, die soziale Ungleichheit zwischen den Menschen zu beseitigen. Die radikale Umgestaltung der materiellen Bedingungen der kapitalistischen Gesellschaft müsse deshalb als die wichtigste Voraussetzung für das Entstehen eines neuen Menschen gesehen werden.

Der neue Mensch der Vierten Industriellen Revolution unterscheidet sich grundlegend von allen vorangegangenen Menschenbildern. An die Stelle moralischer Werte, der Charakterstruktur oder der sozialen Verhältnisse ist allein die Technik getreten.

Der aus der kommenden wirtschaftlichen Umgestaltung hervorgehende Mensch soll — nach dem erklärten Willen des Weltwirtschaftsforums — in erster Linie das Produkt von neuen Technologien sein, dessen weit reichende Folgen sich gegenwärtig noch gar nicht vollständig abschätzen lassen.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: