Die zweite Schöpfung

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04-03-21 09:13:00,

Hannah Arendt (1906 bis 1975) ist als Jüdin 1933 aus Nazi-Deutschland zunächst nach Paris und später in die USA geflohen. Das Durchdringen und Erfassen des Totalitarismus blieb während ihrer gesamten wissenschaftlichen und publizistischen Schaffensperiode das Thema der politischen Theoretikerin, Professorin — die erste in Princeton — und Publizistin. Sie sah die Gefahr, dass dieses gegen die Natur des Menschen gerichtete „radikal Böse“ jederzeit erneut „über Nacht“ hervortreten könnte. Dabei verfolgt der in den Totalitarismus treibende Führungszirkel das Ziel, die Welt mit seiner „Supra-Ideologie“ zu überziehen, um sie so zu beherrschen.

Das Streben nach Weltherrschaft ist in der jüngeren Menschheitsgeschichte nichts Neues. Diese „politischen Träume“, so Arendt, erklären sich aus einer maßlos übertriebenen Gier nach Macht von Herrschenden (2). Totalitäre Herrschaft unterscheidet sich jedoch von Raub, Versklavung, Ausbeutung und Imperialismus durch ihren Versuch, den Menschen zu transformieren. In den „Laboratorien der Konzentrationslager“ ging es, nach Arendt, nicht um das dort verursachte Leiden, sondern darum, die Natur des Menschen „herauszuexperimentieren“. Dort wurde „jede Handlung und jede menschliche Regung prinzipiell sinnlos“. Es wurde „Sinnlosigkeit direkt erzeugt“ (3).

Die totalen Herrscher in Nazi-Deutschland scheiterten mit ihren Versuchen noch daran, dass sie zwar Menschen töten und ihr Wesen zerstören, es aber nicht transformieren konnten.

Um so schwerer wiegt die Warnung der Denkerin vor einem neuen Totalitarismus:

„So sollte man nicht vergessen, dass dieses Experiment bisher noch immer in beschränktem Maßstab ausgeführt worden ist und dass es zwingend Ergebnisse nicht zeitigen kann, bevor nicht die ganze Welt unter seiner Kontrolle steht“ (4).

Die unter ihrer Herrschaft errichteten Vernichtungslager spiegeln die innere Verfassung der totalen Machthaber wider, die von ihrer eigenen Überflüssigkeit genauso überzeugt sind wie von der aller anderen Menschen. Die totalitären Henker sind deshalb so gefährlich, „weil es ihnen offenbar einerlei ist, nicht nur, ob sie leben oder sterben, sondern ob sie je geboren wurden oder niemals das Licht der Welt erblickten“ (5).

Dabei korreliert das Auftreten des „radikal Bösen“ mit den Erfahrungen moderner Massen, die aus dem Gefühl „ihrer eigenen Überflüssigkeit in einer überbevölkerten Welt und der Sinnlosigkeit dieser Welt selbst“ bestehen. Es ist, so Arendt, „als ob alle entscheidenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tendenzen der Zeit in einer heimlichen Verschwörung mit den Institutionen sind, die dazu dienen könnten, Menschen wirklich als Überflüssige zu behandeln und zu handhaben“ (6). Arendt fürchtete die Gefahr des Umschlagens von vormals menschlichen Gesellschaften und lebensbejahenden Systemen in menschenverachtenden und todbringenden Totalitarismus.

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