Über glühende Scherben

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05-03-21 12:09:00,

Die Rubikon-Redaktion erreichen in jüngster Zeit immer mehr Zuschriften mit Versuchen, das Geschehen in einer anderen Sprache zu fassen. Allein das zeigt, dass etwas arbeitet in der Gesellschaft. Dass es brodelt. Zeiten, in denen Orientierungen und Gewissheiten, vielleicht auch Träume und Hoffnungen abhandenzukommen drohen, rufen danach.

Auch wenn diese Versuche nicht die Präzision und Radikalität der Bachmann‘schen Texte haben können, so lohnt sich die Lektüre. Als Ausdruck eines kritischen Bewusstseins machen sie Mut und vermehren vielleicht gar das Bewusstsein, für das sie als Ausdruck stehen. Des Weiteren sprechen sie auch Menschen an, die sich dem Sprachwechsel weg von Infotexten hin zu poetischen Versuchen nur allzu gerne ausliefern — denn: Spricht Söder lyrisch? Und nicht zuletzt stehen solche Sprachversuche auch spezifisch für eine menschliche Qualität abseits von Cyborgs, von Effizienz und Optimierung, eine höchst bedrohte Qualität. Deshalb haben wir uns vom Rubikon zu dieser Poetik-Ecke entschlossen.

Die Beiträge sind weder nach Auswahl noch nach Reihenfolge gewertet, sie erfolgen unkommentiert. Fragen eröffnen Räume, in denen es weitergeht …

Es läuft die Glotze. Der Vater ist abends immer müde und liegt auf der Chaise. Er bestimmt das Programm.

Mutti lehnt am Türrahmen mit der Einbauküche hinter sich, sie süffelt heimlich am Rotwein. Ihre zweite Flasche wird heute noch geleert. Das mit dem Trinken: Das Ding ist ihr entglitten.

Der Junge lümmelt im Sessel, daddelt auf dem Smartphone und blickt kurz auf. Er betrachtet zufrieden seine weißen Sneaker, 238,70 Euro bei Amazon.

Die beiden Kleinen hocken unter dem Esstisch mit der Legokiste. Sie waren bis zum Abendessen draußen, sollten sich die Schuhe ausziehen und die Hände waschen.

Der Fernseher steht in der Schrankwand. Dort sind auch die Zeugnisse, Rundfunkgebührenbescheide, Rentenpapiere und Parteibücher (erst SPD, dann die Linke) und der Mitgliedsausweis der Gewerkschaft untergebracht. Auch die Fotoalben der Familie und die alte Diakiste gibt es noch.

An den Fernseher dürfen die Kleinen nicht ran. Vater hat es ihnen eingeschärft. „Ein Fernsehapparat kann implodieren und das ist viel schlimmer als explodieren.“

Und genau das passiert in der nächsten Sekunde. Es ist ein Inferno. Stichflammen und Getöse. Der Apparat pfeffert auseinander, zerlegt die Schrankwand und jagt alles in die Luft. Trümmer schießen durch das Zimmer.

Vater trifft es zuerst.

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