Züchter und Denker

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06-03-21 10:58:00,

Wenn man jung ist, ist man ja leicht zu beeindrucken. So näherte ich mich Vera F. Birkenbihl sehr gespannt und ehrfürchtig, als ich vor gut 20 Jahren die Gelegenheit hatte, die berühmte Seminarleiterin für eine Zeitschrift zu interviewen. Dem ging ein launiger Vortrag über die bestmögliche Nutzung des menschlichen Gehirns voraus. Stets betonte die rührige Rednerin, dass die menschliche Spezies ihren Möglichkeiten in beklagenswertem Ausmaß hinterherhinke. „Wie würde die Menschheit leben, wenn sie das Potenzial ihres Gehirns voll ausschöpfen würde?“, fragte ich Birkenbihl. Die mittlerweile verstorbene Mentaltrainerin überlegte eine Weile und antwortete dann: „Fast gottähnlich.“

Birkenbihls Vision scheint sich erfüllt zu haben in einem Kinofilm von 2014 — Regie: Luc Besson. Scarlett Johansson sieht darin nicht nur super aus, sondern erwirbt auch dank einer Überdosis Drogen, die in ihre Blutbahn gelangen, Superkräfte. Sie überwältigt eine Vielzahl starker Männer, verfügt über telepathische und telekinetische Fähigkeiten, manipuliert technische Geräte und verschmilzt am Ende mit Computern zu einem Mensch-Maschine-Überwesen. Morgan Freeman in der Rolle eines Professors breitet im Film eine Birkenbihl-ähnliche „Human Potential“-Philosophie aus:

„Man schätzt, die meisten Menschen nutzen lediglich 10 Prozent ihrer Gehirnkapazität. Stellen Sie sich vor, wir könnten 100 Prozent nutzen!“

Der Kino-Visionär Besson setzt damit auf fantasievolle Weise um, was die Autoren einer ganzen Bibliothek von Ratgeber-Büchern seit Jahrzehnten predigen: „Du bleibst unter deinen Möglichkeiten, Mensch. Du könntest viel mehr sein als die gegenwärtige Kümmerform, mit der du dich bescheidest.“ Unterschwellig mit transportiert wird dabei die Botschaft: „Buche mein Seminar oder kauf mein Buch, und ich helfe dir, die anderen 90 Prozent zu erschließen.“

Profitträchtig sind auch in höchstem Maß die vielen Superhelden-Filme, die aus den USA in unsere Kinos schwappen und Menschen dort mit infantilen Größenfantasien beglücken. Neben Realfilmen wie „Ohne Limit“ mit Bradley Cooper sind es vor allem Comicverfilmungen, die uns den Übermenschen lehren: Superman, Batman, Spiderman, X-Men, Birdman, Antman, Watchman, Iron Man und andere „-Men“ toben sich Raum greifend und unter Verzicht auf jegliche glaubwürdige Handlung auf der Leinwand aus. Neuerdings verstärkt auch „Women“ wie der in den Feuilletons hoch gelobte Amazonen-Kracher „Wonder Woman“.

Urbild der Übermenschen ist der Comic-Held Superman, der in den 1930er-Jahren erstmals in gedruckter Form zu bewundern war. In den 1940ern wurde der flugfähige Haudegen als Propagandafigur im Krieg gegen die Nazis eingesetzt. Der „Stählerne“ wies dabei peinliche Ähnlichkeit mit dem Menschenbild seiner Gegner auf,

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