Das Schweigen der Mitschuldigen

das-schweigen-der-mitschuldigen

11-03-21 11:49:00,

Ich sorge mich um Euch. Wirklich. Seit einem Jahr geht fast nichts — kein Theater, kein Konzert, keine Lesung, kaum ein Live-Event, das Blut in die Adern pumpt, die Seele beruhigt, die Phantasie beflügelt, den Geist anregt oder den Eros belebt, kurzum: das Leben zu dem macht, was es immer sein wollte — ein sinnliches Gesamterlebnis.

Euch muss es schlecht gehen. Ihr seid, wie wir Künstler, eines Grundnahrungsmittels beraubt worden. Ihr müsst, wie wir, Entzugserscheinungen haben. Die heilende Medizin zwischen Alltag und der Pause davon, zwischen Realität und Schwärmerei, die Brücke zwischen Wahn und Sinn, ein Naturheilmittel, das die Kraft hat, uns wiederzubeleben und uns die Möglichkeit gibt, uns immer wieder neu zu entdecken — die Kultur — weg.

Man hat Euch bestohlen, uns allen ständig beteuert, die Kultur käme natürlich zurück, aber jetzt ginge es halt nicht. Aus dem Jetzt wurde fast ein Jahr.

Wenn die Tore doch geöffnet wurden, dann nur für kurze Zeit, wenn es warm war, wenn sich die Viren ausruhten und in den Sommerschlaf fielen. Konzerte gab es dann ein paar, aber nur unter sehr obskuren Bedingungen:

Abstand halten! Nicht laut klatschen und bloß nicht mitsingen, viel zu gefährlich! Sich nicht vor Freude in die Arme fallen, nicht frenetisch jubeln, nicht nach dem Konzert Backstage mit dem Künstler abhängen.

Nein, wenn überhaupt, dann so:

In Zweiergruppen sitzen! Beim Eintritt Maske auf, beim Konzert — je nach Laune der Ministerpräsidenten — auch mal ohne. Aber dann, das muss doch jeder verstehen, der ein halbwegs funktionierender Bürger ist, wie Richard David Precht, nicht laut „Zugabe!“ rufen, sondern lieber ein freundlich, mitleidiges Lächeln in Richtung Bühne schicken. Das wird jetzt als gutgemeinter Solidaritätsakt mit den Risikogruppen verstanden, staatlich angeordnet. Ist doch schön, dass man überhaupt wieder auf die Bretter darf — dann also keine Zugabe, bloß nichts übertreiben, sonst steigt das Infektions- und Spaßrisiko. Nach dem Konzert mit angezogener Handbremse schön mit Maske zurück nach Hause. Auf dem Weg dahin im besten Fall die Luft anhalten und unter keinen Umständen husten, sonst ist das Image eines solidarischen Bürgers in Sekunden weggehustet. Erbärmlich.

Wenn es zu anstrengend wird, die ständig verschärften Hygieneregeln zu befolgen, dann beim nächsten Anzeichen von Kulturentzug vielleicht doch lieber die Dokumentation über die Eagles, Metallica oder Michael Jackson anklicken? Wäre so viel entspannter,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: