Frühlingserwachen

fruhlingserwachen

13-03-21 10:45:00,

Man muss sich Krokusse als sehr mutige Pflanzen vorstellen. Sie gehören zu den ersten Blumen, die schon ab Februar ihre Köpfchen aus der Erde recken. Krokusse sind bei den Menschen beliebt, weil sie ihnen lange nicht mehr gesehene Farben schenken: ein sattes Goldgelb, ein dunkles Lila oder Weiß mit einem Netz aus feinen lila Adern überzogen. Aber diese Schönheit ist stets eine gefährdete. Der Schnee kann wiederkommen. Wer zu früh kommt, den bestraft die Kälte. So mancher Krokus geht im Februar oder März wieder ein und hängt wie ein leerer, feuchter Luftballon herab. Wenn man genau hinsieht, sterben aber bei Weitem nicht alle. Manche überdauern, weil sie — wie viele Frühblüher — eine starke Eigenwärme entwickelt haben. Wenn die Sonne wiederkommt, richten sie sich wieder auf und öffnen ihre Kelche, sprenkeln die Wiesen und Gärten mit ihren Farben. Es ist, als ob sie wüssten: Ihnen gehört die Zukunft.

Pioniere — die Avantgarde des politischen Wandels — sind in gewisser Weise wie diese Frühblüher. Sie müssen Kälte aushalten, emotionale Kälte vor allem, oftmals aggressive Ablehnung. Sie müssen sich selbst und einander wärmen, um durchzuhalten. Manchmal scheint es, sie stünden sie auf verlorenem Posten — der Macht des politischen Winters hilflos ausgeliefert. Dabei sind sie nur die Vorboten eines viel umfassenderen Blühens. Selbst schon schön, sind sie Propheten von etwas noch Schönerem. Wer die Wahrheit erst sagt, wenn alle sie erkannt haben, braucht dann nicht mehr so viel Mut.

Im Spätherbst hatte ich in einem Artikel eine auch politisch dunkle Zeit angekündigt und dazu geraten, sich gegen eine kommende „Diktaturdepression“ zu wappnen — falls diese unsere Leserinnen und Leser nicht schon längst eingeholt hatte. Ich sprach davon, wir befänden uns „am Anfang des Tunnels“. Die Lockdowns wurden seither schlimmer und wollten nicht enden. Selbst das Ausbleiben großer Protestveranstaltungen schien ein Gefühl zu begünstigen, alles sei verloren. Das Fernsehen quälte uns beharrlich mit Themen wie „Keine Impfung, keine Lockerung?“, und Namen wie Karl Lauterbach, Markus Söder, Jens Spahn standen für einen immerwährenden geistigen Winter.

Allmählich aber konnten aufmerksame Beobachter den Eindruck gewinnen, dass sich gute Nachrichten häuften. Besteht also Anlass für vorsichtigen Optimismus? Unabhängig davon, was sich „draußen“ tut, hilft es, den Blick auf uns selbst zurückzurichten.

Es macht Menschen auch stärker, wenn sie eine in mehrfacher Hinsicht dunkle Zeit überstanden haben — nicht ohne Schrammen zwar,

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