Die neue Unheimeligkeit. Wie Corona den Menschen das Wohnen abgewöhnt.

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15-03-21 11:06:00,

Wohnst Du noch oder gehst Du schon die Wände hoch? Corona hat nicht wenigen das Daheimsein gründlich verleidet. Für andere wurde es zur Trutzburg gegen einen unsichtbaren Feind. Mit „Sein und Wohnen“ liefert Florian Rötzer den passenden Lesestoff zur unpässlichen Zeit. Sein philosophischer Streifzug durch die Jahrtausende offenbart viel Wissenswertes und manche Kuriosität zu einem bisher kaum beachteten Thema. Im Interview mit den NachDenkSeiten spricht er über Zufluchtsorte und Gefängnisse vor, in und nach der Pandemie, Schmutz als Wohlfühlfaktor und die neue Unbehaustheit im Zeichen von Cyber Cities und Überwachung. Mit dem Journalisten und Publizisten sprach Ralf Wurzbacher.

Zur Person: Florian Rötzer, Jahrgang 1953, ist freier Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Medientheorie und -ästhetik. Von 1996 bis bis 31. Dezember 2020 war er Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis und Herausgeber der Telepolis-Buch- und -eBook-Reihe. Von ihm sind erschienen unter anderem „Die Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter“ (1995), „Smart Cities im Cyberwar“ (2015) und aktuell im Westend-Verlag „Sein und Wohnen. Philosophische Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens“.

Herr Rötzer, im eigenen Heim soll es ja nach Möglichkeit heimelig zugehen. Gilt das auch noch in Zeiten von Corona und inwieweit hat die Pandemie Ihr eigenes Gefühl oder Empfinden fürs „zu Hause sein“ verändert?

In Pandemiezeiten sollte das Heim eigentlich noch stärker zur Zuflucht werden. Aber wenn man gehalten ist, sich einzuschließen, Gäste nicht mehr einzulassen und auch der Zugang zur Öffentlichkeit vor der Haus- oder Wohnungstüre eingeschränkt wird, gerät das Heim zur Falle. Zumal wenn nun alle Tätigkeiten hier verrichtet werden müssen und alle fast immer da sind. Viele haben ihre Wohnungen neu wahrgenommen und erfahren, sie anders eingerichtet. Aber für viele wurde die Wohnung auch eng, vor allem für die vielen Singles, die sich oft nur in einem Raum eingesperrt sehen. Wir halten das vor allem deswegen aus, weil die Wohnungen und Häuser über die Medien direkt an die Weltöffentlichkeit angeschlossen und mit anderen Wohnungen, Häusern und auch den Menschen auf den Straßen vernetzt sind, also zu Zellen eines auch globalen Systems werden. Wir erfahren daher, dass der private Raum sich zunehmend zu einem öffentlichen verkehrt hat und wir auch mit Homeoffice, Teleunterricht in Schulen und Unis, Online-Shopping et cetera an das „Draußen“ angekoppelt sind.

In Ihrem neuen Buch „Sein und Wohnen“ schreiben Sie von der Ambivalenz zwischen der Wohnung als Schutzraum,

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