Die Heilige Corona

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16-03-21 12:01:00,

Es kroch aus orientalischen Märkten, verbreitet über fremde und unheimliche Menschen, und es kam von der Nachtseite her, mit Fledermäusen, durch teuflische Ränke, pestgleich zu uns. Es war die Strafe für unser Sünden-Babel, für die Après-Ski-Partys in Ischgl, für das Sodom und Gomorrha unseres falschen Lebens, die Rache der verderbten Natur — der von uns verderbten Natur. Für unsere frühere Verantwortungslosigkeit gegenüber der Welt, dem Klima, den Werten von Demokratie, für unsere Faszination für den Fortschritt und unendliches Wachstum. Aber auch für unsere beharrliche Weigerung, die Wahrheit und damit die Rechtmäßigkeit der Maßnahmen anzuerkennen. Deshalb musste es schlimmer kommen, die Zahlen mussten steigen: erst die Neuinfektionen, dann die Reproduktionszahlen, dann die Inzidenz-Werte. Die Kurven mussten steil nach oben gehen, damit wir endlich begreifen, Buße üben, in Demut unsere Masken anlegen.

Denn zentral für die neuartige Corona-Religion ist die Frage nach der Schuld. Ein Übel kommt über uns, ein Naturereignis, das uns heimsucht, vermutlich zu Recht, denn die Heimsuchung ist die unausweichliche Folge unserer Sünden. Damit steht die Heilige Corona in der Nachfolge der Religionen, die eher die Korruption der menschlichen Natur betonen, wie das Christentum.

Die einzige und wichtigste Gottheit im Virus-Kultus ist unsichtbar, obwohl manche von einer Stachelkugel-Form reden; sie ist allgegenwärtig und allmächtig. Sie lenkt die Geschicke der Menschen. Sie verteilt leichte und schwere Symptome ohne Ansehen der Person. Dass Alter und Vorerkrankungen eine wichtige Rolle spielen sollen, ist zweifelhaft, schon darum, weil es Alte und Kranke benachteiligen würde. Die Gottheit allein hält die Zeit in ihren Händen und bestimmt über Leben und Tod.

Ihr zu Füßen dienen die Hohepriester, sie opfern die täglichen Zahlenkolonnen und Schreckensberichte, deren Rauch der Gottheit wohlgefällig ist. Pharisäer und Schriftgelehrte diskutieren die Feinheiten der Heiligen Schriften, die geoffenbart worden sind in den Evangelien der Bundespressekonferenzen, im Raunen der Verordnungen und durch die gewaltigen prophetischen Weissagungen der Talkshowgäste.

Welche Lehre steht nun im Zentrum dieser sich rasch ausbreitenden Glaubensgemeinschaft? Der Mensch, so lehrt man, sei von Natur aus schlecht, egoistisch, gierig und krank — und infiziert vom Übel, das jederzeit ausbrechen kann. Hier übernimmt die neuartige Religion offenbar Aspekte der Anthropologie des neoliberalen Glaubens.

Es gibt keine gute Schöpfung. Der Mensch wird schuldig, weil er unrein ist, weil er im ontologischen Sinne das Übel in Potenz in sich trägt. Deshalb macht er sich schuldig der versuchten Bedrohung Hilfloser,

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