Das stille Sterben

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17-03-21 09:40:00,

„Bald wird jeder jemanden kennen, der infolge der Maßnahmen verstorben ist oder in einen desolaten Krankheitszustand kam.“

Berufsbedingt ist die Autorin als Psychiaterin Krisensituationen mit Menschen in Ausnahmezuständen gewohnt. Das heilsamste Medikament, welches uns die Natur für solch existenzielle Not zur Verfügung stellt, ist die Kraft menschlicher Nähe und natürlicher authentischer Begegnung. Wird die Seele durch einen anderen Menschen berührt, kommt ein überaktiviertes Stresshormonsystem zur Ruhe, unser Bindungshormon, Oxytocin, wird ausgeschüttet. Das Phänomen, dass sich Körperreaktionen sogar komatöser Patienten verändern, wenn eine vertraue Stimme in der Nähe ist, ist bezeichnend.

Menschliche Beziehung ist das stärkste Mittel gegen Suizidabsichten und hat deshalb in Krisenbehandlungen einen hohen Stellenwert. Ein Gespräch mit jemandem, der offen und authentisch zuhört und dessen Gesicht und mimische Widerspiegelung man sehen kann, lindert zahlreiche Beschwerden. Es beruhigt nicht nur Nervosität, schenkt Verbundenheit und Zuversicht, sondern kann auch erhöhten Blutdruck reduzieren und Magenschmerzen verschwinden lassen. Nach zehn Arbeitsjahren im psychiatrischen Bereich ist mir kein wirksameres Mittel bekannt als menschliche Nähe.

Umso erstaunlicher ist, dass gesundheitliche Schäden durch Isolation, Kontaktbeschränkungen und Gesicht-Unkenntlichmachung nicht thematisiert werden. Führen sie doch aller Annahme nach zu einer hohen Dunkelziffer von Krankheiten und verfrühten Todesfällen.

Jeder, der einmal ein paar Tage krank im Bett lag, weiß um die Kraftquelle einer versorgenden Bezugsperson in der Nähe. Wie viele an Covid-19 erkrankte Menschen ihren Lebenssinn auf den Intensivstationen verloren haben, weil ihnen der Kontakt zu Angehörigen verwehrt wurde, wird nicht in Zahlen abgebildet. Einsame alte Menschen, verängstigte und verwirrte Kranke sind auf nahe, menschliche Beziehungen angewiesen wie Säuglinge auf eine mütterliche Zuwendung ihrer Bezugsperson. Andernfalls tragen sie Schäden davon — das ist bei Älteren nicht anders.

Die Rate an Traumafolgeerkrankungen und Depressionen infolge Behandlung auf einer Intensivstation war schon vor Corona hoch. Diese Stressfolgen sind mit einer Vielzahl von Folgekrankheiten und verkürzter Lebenserwartung verknüpft.

Es ist ein tabuisiertes Thema, dass die „Maschinenmedizin“, nach Prof. Christian Schubert, zwar Menschen vor dem Tod rettet, diese dafür mit neuen Problemen belädt, wenn die soziale und die psychische Seite ausgeschlossen werden.

Unser System reagiert auf echten körperlich zugefügten Schmerz genauso wie auf seelischen Schmerz, den wir klassisch im Erleben von Einsamkeit und sozialem Ausschluss spüren (1).

Psychische Belastungen werden im Körper direkt in krankmachende Prozesse übersetzt (2, 3, 4).

Der Umfang frühzeitiger Krankheiten und mittel- bis langfristiger Todesfälle infolge der aktuellen Traumatisierung und dem psychischen Stress dürften immens sein.

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