Die Menschlichkeits-Simulation

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18-03-21 02:06:00,

„Wir schützen unsere Oma!“, lächelt die junge Frau mit dem mausartigen Mundschutz und einer Spritze in der Hand vom Plakat in allen U-Bahn-Stationen.

Szenenwechsel:

„Na, da wollen wir mal!“ Auf der Pflegestation, Demenzabteilung, ein „Patient“, liegend, im Bett, ein erschreckter Blick, abwehrende Hände. Um ihn herum Menschen in Raumanzügen, Soldaten. Die ihm einzig bekannte Pflegeschwester hält ihn fest. Zack! Der Einstich! Zittern, ein rasendes Herz, Luft!!! Eine Ausnahme? Nur ein kleiner Schmerz? Oder das letzte Trauma?

„Corona hat die Dichteform der Kasernierung nur noch auf die Spitze getrieben und uns damit einen Spiegel vorgehalten. Denn die Gesellschaft ist in Bezug auf die Würde des älteren und alten Menschen nicht gut aufgestellt“, führte Professor Dr. Frank Schulz-Nieswandt, Vorstandsvorsitzender des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) in einer Pressemeldung bereits am 28. Mai 2020 aus. Weiter heißt es dort: „Die COVID-19-Pandemie bringt die Gesellschaft in einen fundamentalen Zielkonflikt. Einerseits gilt die Sorge explizit dem Schutz vulnerabler Gruppen und insbesondere dem hohen Alter. Andererseits werden Menschen im hohen Alter in den Pflegeheimen verstärkt dem sozialen Tod infolge von sozialen Ausgrenzungen ausgesetzt. Die Vermeidung des biologischen Todes wird teuer erkauft mit dem sozialen Tod“* (1).

Handelt es sich nicht eher noch um Geiselhaft?

2019 sind 18 Millionen Menschen, fast 22 Prozent unserer Gesellschaft, über 65 Jahre alt. Die Einsicht, dass in unseren reichen Ländern die Gesellschaft älter wird, hat zur Einführung der Pflegeversicherung geführt. Mehr als 4 Millionen, also etwa ein Viertel dieser älteren Menschen, insbesondere die Gruppe der sogenannten Hochaltrigen über 80 Jahre, etwa 2,4 Millionen Menschen, gelten als hilfs- oder pflegebedürftig. Etwas mehr als 100.000 Menschen sind es wegen einer Demenz (2). Auch viele Menschen der ehemaligen Gastarbeitergeneration fallen inzwischen unter solche Hilfs- und Pflegebedürftigkeit. Vor allem sie fürchten sich vor einer Heimunterbringung.

Es ist neben Einsamkeit vor allem Altersarmut, die deutsche Senioren und Seniorinnen zu 18 Prozent, also etwa 3 Millionen Menschen betrifft. Bei älteren Menschen mit Migrationshintergrund liegt der Wert sogar bei 33,4 Prozent, das sind etwa 0,73 Millionen Menschen. Alleinstehende Frauen sind am stärksten betroffen.

Als relativ arm gilt, wenn das Einkommen weniger als 1.176 Euro beträgt. Mehr als eine halbe Million Menschen über 65 Jahren benötigen Grundsicherung im Alter (3).

Im bundesweiten Schnitt kostet ein Platz im Pflegeheim monatlich zwischen 1.700 und 2.000 Euro (4).

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