Von wegen Überlastung. Im Pandemiejahr 2020 herrschte in Deutschlands Kliniken historischer Leerstand.

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23-03-21 02:15:00,

Eine Analyse der TU Berlin offenbart Erstaunliches: Nie zuvor gab es in den Krankenhäusern weniger Behandlungsfälle, nie zuvor waren weniger Betten belegt – trotz oder wegen Corona. Die Diskrepanz zwischen der Datenlage und der anhaltenden Panikkommunikation von Politik und Medien könnte kaum größer sein. Die Studienautoren interessiert das nicht und sie wollen ihr Werk anders verstanden wissen: als Beweisstück für eine Flurbereinigung der Versorgungslandschaft. Von Ralf Wurzbacher.

Kliniken, die aus allen Nähten platzen. Schwerstkranke, die sich vor Intensivstationen stauen und elendig auf ihren Tod warten. Ärzte, die auswürfeln, welchem Patienten sie helfen und welchem nicht. Im Zuge der Corona-Krise haben sich Bilder wie diese tief im kollektiven Bewusstsein eingegraben. Seit über einem Jahr beschwören Politiker, Wissenschaftler und Medien das Szenario eines Gesundheitssystems vorm Kollaps: Steigende Infektionszahlen, steigende Krankenzahlen, steigende Todeszahlen – wird man des Virus nicht Herr, sind italienische Verhältnisse programmiert. Selbst bei sinkenden Zahlen dräut es aus allen Kanälen: Lassen wir heute den Lockdown schleifen, erleben wir morgen unser Bergamo.

Warnungen nach diesem Muster sind unser täglicher Begleiter und mit wachsenden Inzidenzen ereilen sie uns mit noch größerer Häufigkeit. „Durch die Mutationen werden die Krankheitsverläufe auch länger und schwerer. Auch jüngere Menschen sind davon stärker betroffen“, mahnte zuletzt etwa Markus Söder (CSU). Auch wenn viele ältere Menschen bereits geimpft wären, gehe die Entwicklung erneut dahin, dass Intensivstationen bald wieder an ihre Grenzen stoßen würden, erklärte Bayern Regierungschef. Ins selbe Horn stoßen dieser Tage das Robert Koch-Institut (RKI), Intensivmediziner, Ärzteverbände und die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ titelte jüngst treffsicher: „Dritte Corona-Welle: den Kliniken droht wieder Überlastung.“

2,4 Millionen Fälle weniger

Die Schlagzeile ist doppelt fragwürdig. Sie spekuliert nicht bloß auf eine künftige „Überlastung“, deren Eintreten längst nicht ausgemacht ist. Überdies bezieht sie sich auf zurückliegende Erfahrungen, die es gar nicht gibt, und konstruiert so einen scheinbaren Wiederholungsfall. Denn eine „Überlastung“ in der Fläche der deutschen Krankenhauslandschaft war im Verlauf der Pandemie bisher zu keinem Zeitpunkt messbar. Punktuell stießen Kliniken durchaus an ihre Grenzen, aber nicht in einer Weise, die sich von saisonalen Spitzen unterschieden hätte, wie sie auch früher immer wieder in den Herbst- und Wintermonaten vorgekommen waren. Auch hinsichtlich der Belegung von Intensivbetten wurde niemals der kritische Punkt erreicht, an dem über Triagemaßnahmen hätte nachgedacht werden müssen. Die sogenannte Notfallreserve, die rund 10.000 Betten umfasst, musste in all den Monaten nicht ein einziges Mal beansprucht werden.

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