Den Garten bestellen

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25-03-21 11:42:00,

„Irgendwo, auf der Welt, gibt‘s ein kleines bisschen Glück, und ich träum‘ davon in jedem Augenblick,“ sangen die Comedian Harmonists, bevor ihr Ensemble von den Nationalsozialisten zerschlagen wurde. Ich träume von Zeiten, in denen Frauen noch Federn im Haar trugen und singe laut bei geöffneten Fenstern. Immer wenn es Frühling wird, packt es mich und ich werde übermütig. Veronika, der Lenz ist da! Die Luft liegt weich auf den Lippen, die Vögel zwitschern und pfeifen im weiten Himmel und die Welt wird wieder bunt.

Die Erde trägt uns noch! Sie hat uns nicht abgeschüttelt wie ein Hund die lästigen Flöhe. Obwohl wir unaufhörlich in ihren Leib eingedrungen sind, immer tiefer hinein in ihren blutenden Schoß, ernährt sie uns noch immer und gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen. Auch in diesem Jahr geht der Winter zu Ende und macht dem Frühling Platz. Kraftvoll regt sich die Saat, die die kalte Jahreszeit überstanden hat. Welche Früchte wird sie tragen? Was wird zur Reife kommen? Was werden wir ernten?

In diesem Frühjahr suche ich mir die Samen, die ich pflanzen will, mit besonderer Sorgfalt aus. Vieles habe ich aussortiert aus meinem Leben und bin mit leichtem Gepäck durch den Winter gereist. Ich will sie nicht mehr, die Kontrolle und die Angst, die alten Muster, die mir das Leben schwer machen. Ich will kein Misstrauen, kein Berechnen, kein Verstecken, kein Spekulieren. Während draußen die Schrauben immer enger angezogen werden, habe ich im Innen begonnen sie niederzureißen, die Mauern meines Gefängnisses. Frischer Wind ist durch mich hindurchgezogen und die tiefen Strahlen der Wintersonne haben manch verborgenen Dämon aus mir herausgekehrt.

Nun möchte ich mein Schönstes in die Erde bringen, alles das, was Freude macht und das Glück in mir nährt. In diesem Frühling will ich die Arme ausbreiten, als seien sie Flügel. Nicht in ferne Gefilde will ich fliegen, dorthin, wo die Not weniger sichtbar ist und das Leben billiger. Keine überwachte und abgesicherte Oase will ich ansteuern, kein künstliches Paradies erschaffen, in dem ich weiter überwintern kann, bis die Welt sich umgekrempelt hat wie ein alter Handschuh.

Ich will das Paradies in der Hölle suchen und die Saat genau dort einbringen, wo ich jetzt bin.

Hierfür braucht es keinen großen Grundbesitz, nur ein paar Handvoll Erde und ein Fenster,

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