Erregende Medizingeschichte

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26-03-21 11:57:00,

Louis Pasteur in Paris (1822 bis 1895) und Robert Koch (1843 bis 1910) in Berlin wurden schon zu Lebzeiten zu Ikonen der Erreger-Medizin stilisiert, weil beide Prototypen menschenverachtender Wissenschaftler im Dienste der militärischen Logik die Keimtheorie verkörperten. Krieg den Mikroorganismen war angesagt. Mikroben wurden zu Monstern stilisiert, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssten. Koch verstieg sich zu der Behauptung, dass schon eine einzige Bazille töten könne. Pasteur verglich den menschlichen Körper gar mit einem Fass voll Bier oder Wein, in das Keime von außen eindrängen und Schaden anrichteten. Infektionskrankheiten waren für Pasteur und Koch zufällige Ereignisse, die nichts mit Umwelt und dem Zustand der Betroffenen zu tun hätten.

Finanzielle Interessen können vieles erklären. Pasteur war seit Jahren Auftragsdienstleister der Chemie- und Agrarindustrie. Impfstoffe wurden entwickelt und weltweit verkauft. Das 1888 gegründete Institut Pasteur spielte eine bis heute zwielichtige Rolle. Dank aufgebauschter Mikroben-angst nahm die pharmazeutische Industrie ihren Aufschwung. Der unerbittliche Mikrobenkrieg fiel auf fruchtbaren politischen Boden, generierte öffentliche Gelder und kostete Millionen von Versuchstieren, aber auch Menschen das Leben. Ausrottung von Mikroorganismen statt friedlicher Koexistenz mit dem Makroorganismus war angesagt: eine Verkennung, die zur Grundlage der Virushysterie unserer Zeit wurde.

Weder Louis Pasteur noch Robert Koch waren Pioniere. Beide sprangen nur auf einen fahrenden Zug auf. Robert Kochs Verdienste blieben bescheiden. Verbesserungen in der Kultivierungstechnik von Bakterien wie das Medium Agar-Agar oder die Petrischale hatte er Mitarbeitern zu verdanken. Seine „Untersuchungen über die Aetiologie der Wundinfectionskrankheiten“ von 1878 beruhten auf der Fehlannahme, dass jeder Erreger ein spezifisches Krankheitsbild verursachen würde. Zwölf Jahre später endete sein Höhenflug schon wieder, als seine Hochstapelei mit Tuberkulin als vorgeblichem Heilmittel für die Tuberkulose aufflog und sein Ansehen ruinierte.

Der Choleraerreger, dessen Entdeckung ihm noch heute zugeschrieben wird, war seit 1854 durch den Italiener Filippo Pacini (1812 bis 83) bekannt. Die Verbreitung der Cholera über das Trinkwasser und die notwendigen Hygienemaßnahmen hatte 1865 bereits der englische Epidemiologe John Snow (1813 bis 58) akribisch erforscht, bevor Koch bei der Choleraepidemie in Hamburg 1892 Furore machte. Auch die von ihm aufgeklärten Schritte im Zyklus des Milzbrandbazillus waren nur ein Detail einer Tierseuche. Den Erreger kannte man seit 1849. (1)

Der Tuberkulosebazillus wurde zwar in seinem Labor gefunden, aber nicht nur dort. Der Pathologe Paul Clemens von Baumgarten (1848 bis 1928) berichtete bereits kurz vor Koch, dass er das Mycobacterium sogar ohne Färbung gesehen hatte.

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