Der Ball ist eröffnet

der-ball-ist-eroffnet

27-03-21 08:58:00,

Wir alle erleben es am eigenen Leib: Seit mehr als einem Jahr sind alle Aktivitäten, die zusammen Spaß machen, verboten. Die Schleier, die wir anderen Kulturen untersagen, hängen wir uns selbst vor die Nase und lassen schwer das Gesetz auf uns lasten: Du sollst nicht singen! Du sollst nicht tanzen! Du sollst überhaupt nichts machen, was dich anderen Menschen näherbringt!

Auf die Kernfamilie reduziert, knabberten wir zu Weihnachten traurig am kleiner ausgefallenen Federvieh, zum Karneval durfte nur ein kleines bisschen Spaß sein und zu Ostern suchen wir das erwachende bunte und blühende Leben vergebens. Zu gefährlich ist, was uns aus dem Mund fliegen könnte, wenn wir zusammen essen, lachen, singen, tanzen, feiern. Gefügig halten sich die meisten von uns an die drakonischen Abstandsregeln und bilden sich ein, dass die gefährlichsten Menschen der Welt gerade diejenigen sind, die uns am nächsten stehen.

Vielen scheint es gar nicht so sehr zu fehlen, wieder unbeschwert in die Menge zu tauchen. Sie sind überhaupt nicht erpicht darauf, mit anderen zusammen zu sein, sich zu treffen und einander ohne Bedenken in die Arme zu nehmen. Ich gehöre nicht dazu. Jedes Mal kommen mir die Tränen, wenn ich diesen schmalzenden italienischen Videoclip sehe, in dem sich die Leute in die Arme fallen, küssen und ganz nah sind. La vita è bella! Selbst jubelnde, sich im Pulk auf dem Boden wälzende Fußballer entringen meiner Kehle neuerdings ein Schluchzen. Für mich ist ganz klar: Ich liebe es, anderen Menschen nah zu sein!

Glücklicherweise lebe ich dort, wo es viel Platz gibt: auf dem Land. Hier läuft vor allem die Bürgermeisterin eisern mit Maske herum. Die meisten anderen Dorfbewohner tun seit Langem, was sie wollen, und besuchen sich heimlich auch lange nach der Sperrstunde. Es findet sich immer ein Schleichweg, eine Hintertür oder eine Tante, die zu später Stunde betreut werden muss.

Ich lebe in einem Land, in dem man die Erinnerung an die Résistance sorgfältig pflegt, den Widerstand, der dem besetzten Frankreich und dem Vichy-Regime entgegengebracht wurde.

Eine Zeit lang war von der Protestmentalität der Franzosen nicht viel zu spüren. Sie schien sich mit der zerschlagenen Gelbwestenbewegung und den durchwachten Nächten erschöpft zu haben. Doch mittlerweile zieht ein frischer Frühlingshauch durchs Land, der die Menschen wieder aus ihren Häusern und auf die Straße holt.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: