Die Demokratie-Wiederbelebung

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27-03-21 09:41:00,

„Möchten Sie eine Verfassung?“, wurden Berliner Passanten am 28. März 2020 um den Rosa-Luxemburg-Platz von einem großen, blonden Mann gefragt, der ihnen mit Handschuhen und Tuch vor dem Gesicht ein Exemplar des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) aus einer Kiste anbot. Die essenzielle Bedeutung dessen, was man für selbstverständlich hielt, wird einem erst bewusst, wenn es nicht mehr da ist. Das gilt für die frische Luft, die uns hinter den verordneten Maulkörben verwehrt wird, aber auch für unsere Grundrechte, die mit dem Notstandsregime über Nacht ausgesetzt wurden.

Der Ausnahmezustand, die neue Normalität trat am 23. März in Erscheinung. Es folgten die Werktage der Stille: die Straßen menschenleer, der Himmel strahlend blau und ohne Flugzeuge. Eine ganz und gar eigenartige Atmosphäre hatte sich über das Land gelegt, geprägt von starken Kontrasten. Zum einen das atemberaubend schöne Wetter bei gleichzeitig erlebter Verunsicherung ob des abnormalen, surrealen Szenarios menschenleerer Straßen und ausgestorbener Großstädte.

Da muss doch etwas geschehen! Man kann das noch nicht einfach so hinnehmen. Wo war die Linke? Wo die ganzen Bewegungen, die sich Gerechtigkeit auf die Fahne schreiben? Sie waren im Homeoffice. Alle vermeintlichen Bollwerke des Widerstandes waren im Lockdown. Jemand muss doch etwas machen, dachten sich dieser Tage wohl viele. Doch da gab es eine kleine Avantgarde, die das nicht nur dachte, sondern auch machte!

Für eine kleine Gruppe um den Dramaturgen Anselm Lenz aus Berlin war dies scheinbar der richtige Zeitpunkt, auf den sie schon lange gewartet hatte. Zuvor im Spektrum der Alternativmedien wie auch in der Friedensbewegung noch völlig unbekannt, traten Akteure auf den Plan, standen auf, wo andere sich hinlegten. Sie riefen klar und deutlich:

„Nicht ohne uns!“

So meldeten sie einen sogenannten Hygiene-Spaziergang am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz an, bei welchem sie Grundgesetze verteilen wollten. Was sollte schon groß schiefgehen?

An besagtem Ort zu besagter Zeit mussten die wenigen Akteure doch recht schnell feststellen, dass in der neuen Normalität ganz andere Spielregeln galten. Einfach so spazieren gehen und Grundgesetze verteilen — das war nicht mehr drin. Während die Menschen, die sich wenige Kilometer entfernt in Parks sonnten, größtenteils von den Behörden in Ruhe gelassen wurden, ging die Polizei sehr strikt gegen die etwa hundert Passanten am Rosa-Luxemburg-Platz vor, die hier sogar mit Abstand, Handschuhen und teils sogar mit Tüchern vor dem Gesicht — damals gab es noch keine Maulkorb-Pflicht — Grundgesetze verteilen.

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