Die Selbstaufgabe des Geistes

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30-03-21 02:15:00,

Es ist ein sonst eher selten vorkommendes Phänomen: Die schweigende Mehrheit in Deutschland sieht sich gegenwärtig gespiegelt im Schweigen derer, die sich dieser Mehrheit sonst eher selten anschließen: der Intellektuellen. Andererseits können sich viele Intellektuelle einmal wortlos zurücksinken lassen in den Pool der all-gemein-en Meinung.

Erstaunlich bleibt gleichwohl: Warum äußern sich die Intellektuellen nicht — oder nur selten — zur gegenwärtigen Situation, in der die Gesellschaft zu zerreißen droht? Was treibt die Intellektuellen um, lässt sie stumm, übervorsichtig oder zynisch werden? Die Faktenlage? Die Angst? Ein lang gehegtes Ressentiment? Oder doch eine unter Schmerzen gewonnene Einsicht, die ihnen diesen Sound of Silence auferlegt? Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass sich geistige Eliten einschwören lassen auf diesen Gleichklang von kaum auf Argumenten basierten Meinungen — dies gegenüber einer Protestbewegung, die sich allein durch zwei historische Großdemonstrationen als politischer Faktor ersten Ranges erwiesen hat und in ihrer übergroßen Mehrheit ganz sicher nicht unterwandert wird von rechten Ideologien?

Selten gab es so viele reflektierte undogmatische Linke zu bestaunen wie im August auf den Straßen Berlins. Was man indes der Demokratiebewegung dagegenhält, sind selten mehr als peinliche Reflexe, mündend zumeist in dieses Mantra: Das sind Nazis, sie paktieren mit den Rechten, sie leugnen Corona, regen sich auf über ein bisschen Maskenpflicht.

Ist das alles? Noch einmal gefragt: Was bewegt die Intellektuellen und lässt sie auch nach einem Jahr als merkwürdig gereizte und diffuse Gruppe erscheinen? Vielleicht am Ende doch nur eins: ihre eigene letztlich unverdaute Geschichte.

1932, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, veröffentlichte der Philosoph Karl Jaspers ein Buch mit dem Titel: „Zur geistigen Situation der Zeit“. Jaspers sagte darin das kommende Geschehen voraus, im Stile eines genialen Seismographen, der Stimmungen, Haltungen und Mentalitäten erspürt und offenlegt.

Etwa 50 Jahre später publizierte Jürgen Habermas als Herausgeber zwei Bände mit dem gleichen Titel „Zur geistigen Situation der Zeit“. In zahlreichen Artikeln meldete sich damals eine in die Jahre gekommene intellektuelle Linke zu Wort und leckte sich angesichts des Niedergangs einstiger Utopien und konfrontiert mit heftigem politischem Gegenwind die Wunden. Lang ist es her — und doch liefert uns dieses Momentum in der Zeit einen Schlüssel zum Verständnis der Situation heute. Es geht um geistig-psychologische Wendepunkte, die zäher nachwirken als historische Ereignisse sonst. Allein, diese Turn arounds sind schwerer zu fassen und bedürfen eines dekonstruierenden Blicks,

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