Die Zumutbarkeit des Schmerzes

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30-03-21 02:15:00,

Schmerzfreie chirurgische Eingriffe erscheinen uns heute selbstverständlich. Daher herrscht sogar unter Ärzten die Überzeugung, dass es größere Operationen bis zur Einführung der Narkose nicht gegeben hätte. Gerne wird der 16. Oktober 1846 als der Tag kolportiert, an dem durch die angeblich erste erfolgreiche Äthernarkose der Startschuss für das „Goldene Zeitalter“ der Chirurgie fiel (1).

Allein — so war es nicht. Von der Antike bis in die Neuzeit wurde nicht nur Kleinkram operiert — und das meiste sogar mit Betäubung. Dennoch erduldeten Kranke in Europa seit der Christianisierung größere therapeutische Körperverletzungen bei vollem Bewusstsein. Ein Gebet musste reichen.

Als ein Königsberger Wundarzt im frühen 17. Jahrhundert erstmals eine riskante Eröffnung des Magens wagte, um in Gegenwart mehrerer akademischer Ärzte einen Fremdkörper zu entfernen, ging es „nach Anrufung Gottes des Allmechtigen“ am stehend angebundenen Patienten ohne weitere Maßnahmen zu Werke (2).

Selbst ein Leibarzt begab sich im Jahr 1771 zu seiner eigenen Leistenbruchoperation „im Vertrauen auf Gott (…) schnell auf dieses Bett“, um dann „den heftigsten Schmerz“ und „höllische Empfindungen“ erleben zu müssen (3).

Musikalisch hat der französische Gambenvirtuose Marin Marais (1656 bis 1728) die Entfernung seines Blasensteins 1720 mit Zweiunddreißigstel- und Vierundsechzigstelnoten in höchsten Tönen festgehalten. Längst nicht alle Operateure sehnten die Schmerzfreiheit für ihre Patienten herbei. Es gibt zahlreiche Dokumente, in denen Chirurgen vor der Einnahme schmerzunterdrückender Substanzen warnten (4).

Aber gab es denn nicht längst wirksame Möglichkeiten, die Schmerzwahrnehmung zu mindern und das Bewusstsein einzutrüben? Archäologische Funde belegen Schlafmohn an verschiedenen Orten in Mitteleuropa bereits in der Zeit der Bandkeramik (circa 6. Jahrtausend vor unserer Zeit) (5).

Im 3. Jahrtausend vor unserer Zeit ist der medizinische Gebrauch von Mohn auf Tontafeln der Sumerer verzeichnet. Schmerzstillende und berauschende Hanfpräparate wie Cannabis waren verbreitet, in Europa sogar sprichwörtlich:

„In Düringen (Thüringen; Anmerkung des Autors) sagt man auch von einem der schlaftrunken noch kein klares Bewusztsein von sich hat: er kann sich nicht aus dem Hanfe filtzen“ (6).

Die späte Einführung von Betäubungsmitteln ist umso verstörender, als bereits hippokratische Schriften und römische Autoren Maßnahmen zur Schmerzlinderung bei operativen Eingriffen vorsahen.

Die milchige Flüssigkeit der Mohnkapseln wird ebenso erwähnt wie Wein und Schwämme, die mit den Flüssigkeiten von Alrauneblättern, Schierling und Bilsenkräutern getränkt bei Erwärmung anästhesierende Gase absonderten (7).

Celsus empfahl ausdrücklich Opium vor Operationen.

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