Herausforderung China – dem Zeitgeist auf der Spur | Kai Ehlers

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30-03-21 06:54:00,

China, Russland und der Westen. Was folgt aus dieser Konstellation, wenn China die Entwicklung seines „Sozialismus mit chinesischem Gesicht“ mit dem Rückgriff auf seine traditionelle Kultur verbindet und sich in dieser Weise in das Weltgeschehen einbringt? Bleibt dieser Impuls auf China beschränkt oder wirkt er als Herausforderung an die übrige Welt, sich in den Zeiten des „Großen Umbruchs“ in gleicher Weise auf ihre Traditionen zu besinnen?

Und welchen Charakter könnte diese Besinnung tragen? Hieße Rückbesinnung nur, die westlichen „Werte“, die in den letzten Jahrhunderten das Weltgeschehen bestimmt haben, gegen die chinesische, die asiatische Herausforderung zu behaupten?

Kommen wir gleich zum Kern: Klar ist, dass mit Chinas Eintritt in den Kreis der führenden Modernisten die Dynamik der Technisierung des Lebens rasant beschleunigt wird. Dazu muss man sich nur die aktuelle Entwicklung der Digitalisierung anschauen. Verschärfung der Konkurrenz ist angesagt, bei der China als treibende Kraft vorandrängt. Klar ist, dass im „Sozialismus mit chinesischem Gesicht“, der Chinas 5000jährige Kulturgeschichte ins Gepäck nimmt, eine geistige Herausforderung auf den „Westen“ zukommt, die Antworten verlangt. Klar ist auch, dass mit Chinas „Renaissance“ die aus dem letzten Jahrhundert stammende politische Ordnung auf dem Globus neu justiert wird. Der bipolaren, danach unipolaren folgt nach dem kurzen multipolaren Übergang jetzt eine tripolare Weltordnung, gebildet von Euro-Amerika, Russland/Eurasien, China-Südostasien. Um diese drei Schwerpunkte herum bilden sich zurzeit die neuen globalen Kraftlinien.

Schon mit dieser Konstellation entsteht eine neue Realität: Ablösung des Dualismus des Kalten Krieges, ebenso wie der unipolaren US-Hegemonie durch die Dreipoligkeit dieser sich neu herausbildenden Kraftzentren. Hierin liegt die Gefahr neuer Konfrontationen, aber auch die Chance über die bisherige prekäre Stagnation hinauszukommen. Dem politischen Tagesgeschehen allein ist allerdings noch nicht zu entnehmen, ob die Chance wahrgenommen wird. Zurzeit sind die drei Hauptakteure damit beschäftigt ihre Einflusszonen mit Sanktionierungen gegeneinander abzustecken und ihre Aggressions-Potentiale aufzurüsten.

Längerfristig liegen die Chancen aber in der gegenseitigen Durchdringung, Anregung und Förderung der historisch gewachsenen Mentalitäten der drei genannten Kulturräume. In Stichworte gefasst sind das: Der individualisierte, vom selbstbewussten Ich getriebene Pioniergeist des Westens, die pragmatische Einordnung des Ich in die kosmische Ordnung im chinesischen, die intuitive Spontaneität des Ich zwischen diesen Extremen im russisch-eurasischen Raum.

Damit sind die Stärken der drei Kulturräume skizziert, die man im Detail noch weiter anschauen muss, um zu den geistigen Wurzeln zu kommen, aus denen sie ihre Kraft beziehen – das alte taoistische und konfuzianische Erbe Chinas,

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