Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

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30-03-21 01:52:00,

Judith Sevinç Basad empört sich – und stemmt sich vehement gegen die sich aufgeklärt wähnende Meinungsmache, gegen Denkverbote und Unschärfen in den Argumenten einer selbsternannten kulturellen Elite. Ist es denn, genau betrachtet, wirklich so, dass die „Privilegierten“ den sozialen Aufstieg von Migrantenkindern verhindern? Kann es sein, dass eine selbsternannte Elite bestimmt, wie sich unsere Sprache entwickelt und welche Filme wir sehen dürfen? Ist es im Kampf gegen Rassismus mit der Entmachtung des „alten weißen Mannes“ getan? Judith Sevinç Basad stellt in ihrem Buch „Schäm dich – Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist“ unangenehme Fragen und warnt vor den vermeintlich couragierten Kriegern für eine bessere Welt. Ein Auszug.

Im Januar 2020 warf mir die Antirassismus-Aktivistin Jasmina Kuhnke auf Twitter vor, dass ich mich nicht über Rassismus äußern dürfe, weil ich »privilegiert« sei. Der Grund: Meine Haut sei »zu weiß« und mein Name zu deutsch. Ein anderer User forderte mich dazu auf, Reparationsleistungen an die Autorin Sibel Schick zu zahlen, weil sie türkische Wurzeln hat – also Rassismus erfährt – und ich aufgrund meiner Hautfarbe zum ausbeuterischen Westen gehören würde.

Das ist schon häufiger vorgekommen. Und es ist witzig. Denn hier zerstört sich die Theorie der kolonialen Matrix selbst. Fakt ist: Ich habe türkischen Migrationshintergrund. Mein Vater ist in den 60ern nach Deutschland gekommen und hat meine deutsche Mutter geheiratet. Meine Eltern zogen in eine oberfränkische Kleinstadt und arbeiteten erst auf dem Markt, dann in eigenen Geschäften als Blumenhändler. Das bedeutete: mitunter prekäre Verhältnisse, körperlich harte Arbeit und wenig Freizeit. Migrationshintergrund, niedriger Schulabschluss der Mutter und Arbeiterklasse: Nach allen Statistiken über den Bildungserfolg von Migrantenkindern gehöre ich, zumindest formal gesehen, nicht zu der sozialen Gruppe, der man besonders hohe Erfolgschancen im intellektuellen Bereich nachsagt.

Hier wird deutlich, wie rassistisch es ist, Menschen wegen ihrer Hautfarbe irgendwelche Privilegien zu unterstellen. Denn ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man die Empfehlung fürs Gymnasium nicht bekommt, weil der Vater Türke ist und im Gegensatz zum bayrischen Ärztesohn »nur« Blumen verkauft. Oder wie bitter es ist, wenn die eigenen Eltern nicht genügend Geld haben, um dir den Führerschein zu bezahlen, während deine Freunde ihr knallgelbes Cabriolet vor der Schule parken.

Ich habe keine Lust aufzuzählen, wie oft, wann und wie meine Familie ausgegrenzt wurde, weil meine Eltern sich nie als Opfer der Gesellschaft gesehen haben.

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