Lichtvolle Freunde

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01-04-21 12:09:00,

„So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren.“ Der Vater in Ludwig Tiecks romantischer Erzählung „Der Runenberg“ macht sich Sorgen um seinen Sohn Christian. Dieser, gerade aus dem Gebirge in den heimischen bäuerlichen Betrieb heimgekehrt, will sich weder auf den Acker noch in den Garten begeben, er „scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor Gespenstern zu entsetzen“. Was hat es mit dieser fast einer Geistesstörung ähnlichen Anwandlung auf sich?

Wir finden hier ein interessantes, mit Blick auf unsere Gegenwart geradezu prophetisches Szenario vor: Jemand ist an einer rätselhaften Abneigung gegen Pflanzen erkrankt — verbunden mit einer leidenschaftlichen Affinität zu allem Mineralischen, in der Erzählung symbolisiert durch Reisen in steinige Gebirgslandschaften. Aber auch mit dem die Seele deformierenden Geldbesitz. Betrachtet man unsere modernen Großstadtlandschaften, aber auch die modischen Kellergewölbe von vollendeter Künstlichkeit — Diskotheken zum Beispiel —, so gewinnen wir den Eindruck, dass sehr viele Menschen sich an eine Welt fast ohne Pflanzen gewöhnt haben. Wo sie diese dennoch antreffen — den Gummibaum im Büro, die verwilderte Wiese zwischen zwei Wohnblöcken —, bedeuten sie ihnen nichts: Wie verschlossene Bücher scheinen Pflanzen aufgehört zu haben, zu uns zu sprechen.

Der Grund für die Phythophobie — Pflanzenangst — von Ludwig Tiecks Helden Christian ist mindestens so interessant wie die bloße Existenz dieser „Krankheit“: Es ist die Vergänglichkeit der Pflanzen, die ihn mit Furcht, ja Ekel erfüllt. „In den Pflanzen, Kräutern, Blumen und Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten, sie bieten unserm Auge die schrecklichste Verwesung dar“, klagt Christian. Die ganze belebte Natur scheint ihm von einer großen Klage erfüllt, von der Melancholie der Endlichkeit.

Dem vergehenden Lebendigen, das mit jeder Sekunde gleichsam dem unausweichlichen Ende entgegentreibt, kann man jedoch nur entkommen, indem man sich mit dem Toten, jedoch Unvergänglichen verbindet: dem kalten Metall oder dem Gestein. Auch Geldvermögen (Kapital) ist ja ein Versuch, den Verfall aufzuhalten, Werte gleichsam einzufrieren, indem man sie der Wirksamkeit der Zeit entzieht.

Ein Versuch jedoch, der, wenn er zu weit getrieben wird, die Seele krank machen kann. Denn am Vergänglichen hängen wir mit unserer Liebe, weil es uns — als ebenfalls vergänglichen Wesen — gleicht. Dies gilt für unsere Mitmenschen wie für Tiere und Pflanzen.

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