Triage auf der Titanic

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02-04-21 09:25:00,

Sven Böttcher befasst sich mit Bill und lässt dessen bizarren Fantasien tatsächlich gerechten Raum in seinem Buch „Wer, wenn nicht Bill?“. Man folgt Böttcher genussvoll zeilenweise und erkennt zwischen der Sorgfalt der Formulierungen und Betrachtungen den Abscheu, den der Schreiber gegenüber der Selbstermächtigung des Bill über die Welt empfindet. Dennoch widersteht er der Versuchung, den mächtigen Transformierer zu stellen oder ihn gar mit filigranen Gedanken und Worten hinzurichten — was Böttcher zweifelsohne beherrscht. Nein, der Autor tut einmal mehr etwas Überraschendes: Er stellt dem „Team Bill“ — mit Klaus — das „Team Old“ — ohne Perspektive — gegenüber.

Team Bill will uns in eine Dystopie leiten. Es gibt vor, sein Entwurf einer unmenschlichen Welt sei besser, weil befreit von der Unvollkommenheit des Menschlichen. Das behagt natürlich all jenen nicht, die ihr altes Normal gut fanden und sich darin wohlfühlten — umgeben von Statussymbolen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Sie sind das Team Old, das gerne wieder zurückmöchte in das, was damals — es ist kaum mehr als ein Jahr her und doch emotional Lichtjahre entfernt — noch wirklich war. Die transhumanistische Revolution des Bill trifft also auf die gewohnheitsbasierte Restitution des Gewesenen. Die einen propagieren das neue Normal, die anderen wollen das alte Normal zurückhaben.

Nun stellt Böttcher aber auch die Frage, ob das alte Normal des Teams Old wirklich so reizvoll war, dass wir es unbedingt wiederhaben möchten. Und obwohl er uns nicht mit der Nase auf alle Mängel unserer ehemaligen Normalität stößt, ermöglicht er uns schon einen klaren Zweifel, ob das wirklich wieder so sein soll wie vorher … Das Alte mutiert zur Cholera, zu der das Angebot von Bill — mit Klaus — die Pest ist. Damit beginnt die Triage auf der Titanic.

Sven Böttcher führt uns mit wohlgesetzten Schritten und wunderbaren Formulierungen an den Rand des Dilemmas: Bills Zukunft ist lebloser Mist in einer kalten Technokratur, aber das Gestern von Team Old ist irgendwie auch nicht die Lösung für ein besseres Morgen. Das ist der Augenblick, in dem wir den Eisberg gerammt haben. Und in jenem Moment des beginnenden Unterganges hebt er, der Böttcher, der lesbar selbst nicht frei von Zweifeln ist, seine Stimme an und singt eine Hymne auf eine ganz andere Zukunft.

„Team Mensch“ betritt die Bühne. Eine neue Art eines neuen Wir, die sowohl Team Bill als auch Team Old zustimmen,

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