Der stille Rebell

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04-04-21 08:02:00,

Er scharte Männer und Frauen um sich und zog mit ihnen lehrend durch das Land. Die Obrigkeit hatte ihn im Visier, er bereite einen Umsturz der öffentlichen Ordnung vor, des Finanzsystems gar. Hatte er sich nicht erfrecht, die friedlichen Händler und Geldwechsler mit der Peitsche aus dem Tempel zu jagen, Kranke ohne genehmigte Heilmittel und nur mit geistiger Kraft zu heilen? Sogar Tote soll er auf magische Weise auferweckt und streng verborgene religiöse Geheimnisse verraten haben. Die ehrenwerten Priester habe er – nach heutigem Sprachgebrauch – der Verschwörung gegen das Volk bezichtigt. Ein Scharlatan und Esoteriker, natürlich, ein Querdenker und Spalter der Gesellschaft, ein Verschwörungstheoretiker und gefährlicher Rebell.1 

Doch Jesus von Nazareth, wie ihn das an die materielle Oberfläche des Daseins gebundene Bewusstsein wahrnimmt, war mehr. Der Christus in ihm riss den von den Priestern gehüteten schweren Vorhang der Sinnenseite hinweg und lebte die geistig-göttliche Dimension der Wirklichkeit im Irdischen unmittelbar dar – kein Wort und keine Handlung, die nicht von ihm aus dieser „Welt des Vaters“ heraus impulsiert worden wäre, aus der er herabgekommen und aus der auch die Menschen in Wahrheit stammen. Doch ihnen war sie immer mehr aus den Augen gekommen. Denn der physische Leib, der dem Geist des Menschen als Spiegel dient, um an ihm zum Bewusstsein der Welt und seiner selbst zu erwachen, wird nicht erst im Tode, sondern auch schon während des Lebens von zerstörenden Todeskräften deformiert, die ihn nur die Welt des mineralisch Toten erkennen lassen. – Und Christus entriss den physischen Leib den Todeskräften und stellte die Form des Spiegels – von der ihn ausfüllenden Materie befreit –  in seiner ursprünglichen Reinheit wieder her.
Wer ahnt, welche Zukunftsperspektiven sich dadurch eröffnen?

Matthias Grünewald Isenheimer Altar: Auferstehung Christi
               (gemeinfrei, Ökumenisches Heiligenlexikon)

Albrecht Haushofer, Professor für Geographie und Geopolitik in Berlin, der als Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime dort 1945 im Gefängnis Moabit saß und auf seine Hinrichtung wartete, hat die Geistgestalt des Auferstehungsleibes, wie ihn Matthias Grünewald in genialer Schau erfasst hat, tief erkannt und ihr im Gefängnis in einem Sonett ergreifenden Ausdruck verliehen. 2

Qui Resurrexit (Auferstehung)

                    In tausend Bildern hab ich Ihn gesehn.
                    Als Weltenrichter, zornig und erhaben,
                    als Dorngekrönten, als Madonnenknaben, —
                    doch keines wollte ganz in mir bestehn.

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