„Der Staat braucht das Geld der Reichen nicht“ – Interview mit Maurice Höfgen über progressive Reformpolitik und die MMT

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09-04-21 10:09:00,

Von ihren Anhängern wird die Modern Monetary Theory (MMT) gerne als das neue wirtschaftspolitische Wundermittel angepriesen. Man müsse nur die Staatsausgaben richtig justieren und schon sind alle Probleme gelöst, von der Vollbeschäftigung bis zur Preisniveaustabilität. Der Ökonom und Betriebswirt Maurice Höfgen hat in seinem Buch „Mythos Geldknappheit“ eine progressive Reformagenda auf Basis ebenjener MMT skizziert. Höfgen ist zwar wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Partei Die Linke im Bundestag, doch mit vielen Vorschlägen liegt er konträr zu linken Positionen. Dazu haben ihn die „NachDenkSeiten“ befragt. Die dazugehörige Buchrezension finden Sie hier.

Herr Höfgen, können Sie einmal kurz erklären, was ist denn das Besondere an der MMT?

Die MMT ist die Denkschule, die unser heutiges Geldsystem am besten beschreibt und darauf eine makroökonomische Theorie aufbaut. Sie liefert quasi ein Handbuch zum Umgang mit dem Geldsystem. Ohne die MMT sind wir wie ein Autofahrer, der mit seiner Gangschaltung nicht umgehen kann und sein Auto ständig abwürgt. Die Folge: Wir leben ökonomisch gesehen unter unseren Verhältnissen. Arbeitslosigkeit, Armut und marode Infrastruktur sind Ausdruck falscher Wirtschaftspolitik. Das Kernproblem: Wir richten unsere Wirtschaftspolitik danach aus, Staatsdefizite und Schulden zu vermeiden. Aus MMT-Sicht ist das Quatsch. Es muss genau andersherum sein. Die Wirtschaftspolitik muss an den zuvor genannten Problemen ausgerichtet werden. Das Staatsdefizit und der Schuldenstand sind zweitrangig.

Offenbar haben dies aber auch im politisch linken Lager nicht alle verstanden. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich auch Linke, sozialdemokratische, aber auch grüne Parteien zu häufig an die Mythen des ökonomischen Mainstreams klammern und/oder sich neoliberaler Sprache bedienen.

Ja, leider. Zu oft bedient man sich konservativer, gar neoliberaler Begriffe und Denkmuster. Nehmen wir mal den Begriff „Steuergeld“, der auch von linker Seite inflationär benutzt wird. Die Realität ist: Steuergeld gibt es nicht. Der Staat hat sein eigenes Geld, das seine Zentralbank für ihn theoretisch unbegrenzt erzeugen kann. Der Begriff „Steuergeld“ verschleiert das. Die Botschaft: Geld ist knapp und wenn der Staat Geld ausgeben will, muss er es woanders, z.B. beim Steuerzahler, wegnehmen. Damit stärkt man die Erzählungen konservativer Parteien, die sich für die Schwarze Null und Generationengerechtigkeit völlig zu unrecht auf die Schulter klopfen.

Bleiben wir mal beim Thema Staatshaushalt. Hier vertreten Sie ja einerseits traditionell linke Positionen wie die Abschaffung der Schuldenbremse, andererseits liegen Sie auch häufig konträr. Eine Abgabe für Superreiche zur Finanzierung der pandemiebedingt steigenden Staatsschulden etwa halten Sie nicht für zielführend.

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