Wie Robert Habeck die Welt sieht

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09-04-21 08:25:00,

Im September findet die nächste Bundestagswahl statt. Von heute aus betrachtet können wir damit rechnen, dass die Grünen in der neuen Regierung nicht nur vertreten sein werden, sondern diese womöglich auch dominieren und vielleicht den nächsten Bundeskanzler stellen. Oder die nächste Bundeskanzlerin. Aus diesem Grund hat unser Autor Udo Brandes das neueste Buch von Robert Habeck („Von hier an anders. Eine politische Skizze“) für die NachDenkSeiten gelesen.

Ich will es gleich vorweg sagen: Ich habe Vorurteile gegenüber den Grünen. Grüne Politiker repräsentieren für mich ein selbstgerechtes und scheinheiliges bürgerliches Wohlstandsmilieu. Leute, die Wasser predigen und Wein trinken. Das nur vorweg, damit jeder Leser meine subjektive Wahrnehmung des Buches von Robert Habeck besser einschätzen kann.

Eine wichtige Ursache für die Spaltung unserer Gesellschaft sieht Habeck im nicht genügend oder gar nicht befriedigten Anerkennungsbedürfnis von immer mehr Menschen:

„Das Verlangen nach Anerkennung ist ein Phänomen der Moderne. Es fußt auf dem fundamentalen Bruch der Moderne mit dem Mittelalter. (Die Moderne bezeichnet den Umbruch in zahlreichen Lebensbereichen gegenüber der mittelalterlichen Gesellschaft durch Aufklärung, Säkularisierung, Industriealisierung und die Auflösung traditioneller Produktionssweisen [z. B. dem Zunftwesen]. UB) Zuvor waren der Selbstwert und die Identität des Menschen von ihrem Platz in der Gemeinschaft bestimmt. Die Gesellschaften waren streng geordnet nach Ständen, nach Adel und Bauern und Handwerkern, nach geografischen Grenzen, nach einem festgefügten religiösen Weltbild. Seinen Wert als einzelner Mensch brauchte und konnte man weder erwerben noch beweisen“ (S. 266).

In der Moderne muss der Mensch seinen Wert beweisen

Dies änderte sich durch die Moderne und die damit einhergehenden Individualisierungsprozesse. Der einzelne Mensch musste fortan seinen Wert durch gesellschaftlich anerkannte Leistungen beweisen. Deshalb, so Habeck, könne man die Zerrissenheit der Gesellschaft nicht allein ökonomisch erklären:

„Kinder- und Altersarmut, ein Leben am Existenzminimum, eine nicht auskömmliche Rente trotz lebenslanger Arbeit, all das ist ungerecht und fügt Menschen Schaden zu – am Leib, ja, aber eben auch an der Seele. Und mit der Seele meine ich hier Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Würde und Anerkennung. Sie sind nicht nur subjektive Gefühle, sondern sie reflektieren und schaffen eine objektive Wirklichkeit“ (S. 254).

In meinen Worten ausgedrückt: Wer arm ist, leidet nicht nur darunter, dass ihm Materielles fehlt und er zum Beispiel einen kaputten Herd nicht ersetzen kann. Gleichzeitig löst diese Armut auch Scham- und Schuldgefühle aus,

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