Der unterworfene Patient

der-unterworfene-patient

13-04-21 09:20:00,

Wer Hilfe sucht und sich in Obhut begibt, unterwirft sich zumindest für einen bestimmten Zeitraum, akzeptiert er doch Weisungen und verzichtet auf Autonomie. Es liegt nicht nur an den Gesundheitsrisiken jeder Behandlung oder daran, dass Behandler Krankheiten verkennen und eine falsche Therapie verordnen. Nein, es liegt an der Preisgabe der Selbstbestimmung. Wer sich behandeln lässt, handelt nicht mehr. Bereits derjenige, der Tests zur Früherkennung akzeptiert, bringt sich in Gefahr. Schon weisen ihn Messwerte wenigstens als Mitglied einer sogenannten Risikogruppe aus. Damit können Auflagen und Einschränkungen verbunden sein, die gar nicht mehr individuell verordnet werden müssen.

In der griechischen Tempelmedizin oder bei rituellen Heilbehandlungen anderer Völker lagen die Zuordnung eines Krankheitsbildes, Behandlung und soziale Konsequenzen in den Händen von Priestern und Schamanen. Diese Rolle übernahmen im Früh- und Hochmittelalter zunehmend Geistliche der katholischen Kirche. Bis zum 14. Jahrhundert traf dies auch für die Diagnose der mit den Kreuzzügen aus dem Nahen Osten eingeschleppten Lepra zu. Priester entschieden allenfalls unter Zuziehung erfahrener Leprakranker, ob ein Mensch aus der Gemeinschaft ausgestoßen wurde. Die Diagnose war der soziale Tod. An Leprakranken wurden rituelle Beerdigungen vollzogen, da sie die Gesellschaft verlassen mussten und ihres Besitzes beraubt wurden.

Mit der Entstehung einer eigenen akademisch ausgebildeten Ärzteschaft ab dem 13. Jahrhundert übernahmen Ärzte diese Einstufung. Das älteste deutsche Leprazeugnis stammt von 1357 (1).

Die Beschau erfolgte nun in einem Konsil von drei Ärzten, um nicht nur das Risiko von Irrtümern zu vermindern, sondern vor allem um Bestechlichkeit zu erschweren. Ein Arzt inspizierte die aussatzverdächtige Person von Kopf bis Fuß, ein anderer begutachtete den ausgewaschenen Blutkuchen des Aderlasses, und der dritte prüfte den Harn. Sah der Blutkuchen eine Stunde nach Übergießen mit rohem Öl wie gekocht aus und versank Bleiasche im Harn, galt die Diagnose als gesichert. Neben der Begutachtung von Hautläsionen erfolgten also noch zwei nicht evidenzbasierte Tests, die das Testat zur Lotterie werden ließen. Zynischerweise konnten sich „Diagnosen“ sogar im Verlauf bestätigen, da eine fälschlich attestierte Lepra bei Verbannung in die Quartiere der Aussätzigen eine Erkrankung vorprogrammierte. Der Missbrauch physikalischer oder chemischer Vorgänge als Gottesurteil oder „Test“ ist nicht erst in unserer Zeit entstanden.

Dies war der Einstieg von Ärzten in eine unselige Gutachterrolle, die sie über die folgenden Jahrhunderte zu den Erfüllungsgehilfen der Mächtigen werden ließ.

Es waren Ärzte, die die Tauglichkeit von Menschen für Foltermaßnahmen bescheinigten,

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: