Die anschleichende Diktatur

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14-04-21 07:37:00,

In den sozialen Netzwerken scheint eine Sache ziemlich klar zu sein: Diktatur ist das hier nicht. Punkt. Ganz egal, wie sehr Lobbyisten auf die Gesetzesbildung einwirken oder seit Beginn der Pandemie Grundrechte abgebaut wurden: Von einer Diktatur könne man nun wahrlich nicht sprechen, behaupten dort viele. Wäre es eine, dann wären Twitter oder Facebook schon lange verboten.

Wer eine solche Aussage macht, ignoriert mehrerlei: Zum einen, dass die Betreiber sozialer Netzwerke schon längst dazu übergegangen sind, gewisse Meinungsbeiträge auszusortieren — um es mal galant zu umschreiben und das Wort Zensur zu vermeiden. Zum anderen wird unterschlagen, dass es verschiedene Formen diktatorischer Systeme gibt. Man muss nicht gleich immer an die klassische Haudrauf-Diktatur denken, die mit uniformierten Misanthropen ihre Geschäfte abwickelt.

Passenderweise wurde die „Corona-Diktatur“ zu einem der Unwörter des letzten Jahres erklärt. Unter anderem verharmlose „der Ausdruck tatsächliche Diktaturen, verhöhnt die Menschen, die sich dort gegen die Diktatoren wenden und dafür Haft und Folter bis hin zum Tod in Kauf nehmen”, erläutert die Jury die Entscheidung.

An dieser Deutung kann man zunächst wenig kritisieren. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich in Nordkorea einem Führerkult fröne oder in der Bundesrepublik zusehe, wie sukzessive Regeln unseres bisherigen Zusammenlebens abgebaut oder Grund- zu Sonderrechten gemacht werden. Der Punkt ist aber, dass hier mit einer besonderen Auffassung von Diktatur jongliert wird. Eben mit jenem Bild faschistoider und militaristischer Staatsgebilde, die totalitär durchorganisiert und einem Autoritarismus unterstellt werden.

Man sieht ein Land vor sich, in dem die Bürger duckmäuserisch durch den Alltag gehen und konnotiert damit physische Unterdrückung, Gewaltandrohung und Angst als Stilmittel der Menschenführung. Aber das ist eine Diktatur, wie wir sie uns im 20. Jahrhundert dachten — da sich Geschichte aber nie wiederholt, müssen wir vielleicht die Begrifflichkeit der Diktatur grundsätzlich überdenken.

Der Soziologe Harald Welzer hat vor einigen Jahren ein Buch veröffentlicht, das den Titel „Die smarte Diktatur” trägt. Die Bezeichnung trifft es ganz gut:

In der Diktatur der Zukunft verwendet man einen freundlichen Marketing-Duktus; es laufen keine fratzenhaften Schergen auf, sondern wie Stewardessen im Flugzeug wird ohne Unterlass gelächelt.

Der totale Markt hat auch die Umgangsformen geprägt: Man buhlt um den Untertanen wie um einen Kunden, übt den Angriff auf bürgerliche Freiheitsrechte mit freundlichem Antlitz.

Das ist keine abwegige Utopie. Ein Blick nach China genügt: Natürlich ist das eine Diktatur unter der Leitung einer Partei.

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