Geiser

geiser

15-04-21 01:41:00,

Ungewöhnlich lange hat man ihn in der Eingangshalle nicht mehr gesehen. Der Mann am Empfang weiß es genau. Seit drei Tagen hat sich der Herr von Zimmer 19 nicht gezeigt. Der Schlüssel am Brett fehlt und das Fach unter dem Haken ist leer. Auf der Anmeldekarte steht in schwungvoller Schrift „Geiser“. Der Mann am Empfang beschließt, mit der Überprüfung des abwesenden Gastes einen weiteren Tag zuzuwarten.

Als er auch am nächsten Tag nicht auftaucht, wird ein Zimmermädchen nach oben geschickt. Die Frau klopft an die Tür. Drinnen bleibt es still. Sie öffnet und betritt das Zimmer. Es ist hell und macht einen ordentlichen Eindruck. Ein Blick ins Bad genügt, um festzustellen, dass der Gast nicht abgereist ist.

„Was suchen Sie hier?“

Die Frau fährt zusammen. Im Gegenlicht des Fensters bemerkt sie den vermissten Gast. Hingestreckt auf dem Bett wie ein verwundetes Tier, blickt er in ihre Richtung. Sein Gesicht ist kaum zu erkennen, es scheint verzerrt, obwohl der Mund lächelt.

„Wer sind Sie?“, fragt die Stimme etwas sanfter.

„Ich bin das Zimmermädchen. Man hat mich beauftragt, nach Ihnen zu sehen, ob alles …“

„Ob ich noch nicht abgekratzt bin. Seien Sie beruhigt, ich lebe noch. Ich stell mir vor, noch zu leben.“ Der Mann beugt sich über den Bettrand. „Sie werden Ihr Geld schon bekommen. Geiser ist nur ein bisschen müde. Wie heißen Sie?“

„Selina.“

„Ach …“

Der Mann richtet sich auf. Er ist etwa vierzig Jahre alt, trägt einen dunklen Bart und hat schlanke Hände. Von der Stirn rinnt ihm der Schweiß, das offene Hemd klebt an der Brust.

„Bitte“, seine Stimme klingt jetzt sanfter, „lassen Sie mich in Ruhe.“

„Ist Ihnen nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen?“

„Lassen Sie mich allein.“

In der offenen Tür bleibt die Frau stehen. „Haben Sie noch einen Wunsch?“ Da der Mann schweigt, grüßt sie und geht.

Geiser hört, wie sich die Schritte entfernen. Regungslos liegt er da. Die Stille legt sich schwer auf ihn. Sein Blick schweift von der Reproduktion an der Wand, dem Sämann van Goghs, zum Fenster. Draußen schweben große Flocken zur Erde. Die Welt wird weiß, denkt er, die Dächer, die Gärten, die Straßen, alles wird weiß. Er horcht und vernimmt ein dumpfes Rauschen.

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