Das Erbe des Terrors

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16-04-21 08:20:00,

Als ich in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts in Köln aufs Gymnasium ging, beschäftigten wir uns in nahezu allen Fächern mit den Kriegsjahren 1933 bis 1945 und den Verbrechen der Nazis an der Menschheit. Meine Urgroßeltern lebten während des Nationalsozialismus in der ehemaligen Sowjetunion. In der Zeit des Großen Terrors. In diesen Jahren befreite Stalin in Massenoperationen die Sowjetunion von „sozial schädlichen und gefährlichen Elementen“. Ähnlich wie im einige Tausend Kilometer entfernten Deutschland sollte das russische Land — im Rahmen einer vorbeugenden Kollektivhaftung — „gesäubert“ werden.

Die Umsiedlung der Deutschen bedeutete Deportation, Verschleppung und Hinrichtung. Nicht, dass ich dazu jemals etwas am Gymnasium gehört hätte. Ich hatte in meinen ersten elf Jahren in Deutschland hier und da ein paar Brocken aufgeschnappt. Halt, nein, das ist gelogen. Eigentlich waren es nur ein paar spärliche Krümel, die unbedacht beim Teetrinken zwischen den Zeilen vom Kuchenblech gerutscht waren, bevor die Großmutter sich ihrer allzu großen Gesprächigkeit plötzlich bewusst wurde und sich der geblümten Tischdecke zuwandte, die unter der unruhigen Tasse Wellen schlug.

Da war also nichts. Nichts, was ich greifen konnte. Außer dem Schweigen. Ich spürte viel und doch nichts, nichts, dem ich einen Namen zu geben vermochte. Ich stellte fest, dass ich keine Verbindung zu meiner Herkunft, zu meiner Geschichte, zu meinen Urgroßeltern hatte. Es war, als hätte mich das Leben 1988 plötzlich in Nordrhein-Westfalen ausgespuckt. Für Alice im Wunderland fängt die Zeitrechnung bei vier an. Davor hatte ich nicht existiert.

Wie gesagt, ich wusste kaum etwas über meine Herkunft, verleugnete sie dafür umso vehementer und verabscheute sie schon als Grundschülerin aus tiefstem Herzen. Ein großer Teil meiner Energie floss in die Anpassung. Ich integrierte mich mit Fleiß, guten Noten, Bescheidenheit und Unscheinbarkeit in die deutsche Gesellschaft des späten 20. Jahrhunderts. Es war, als wäre Herkunft für — pssst, jetzt bitte die Stimme zum Flüsterton senken — „ W o l g a d e u t s c h e “ — ab hier wieder mit Normalvolumen weiter — verboten. Gleichzeitig versteckte ich aber meinen Personalausweis ganz unten im Portemonnaie, aus Scham vor dem, was unter „Geburtsort“ stand. Natürlich wusste ich damals nicht einmal, wofür ich mich da schämte. Es war das Unausgesprochene, das Wortlose, das mir in Fleisch und Blut übergegangen war. Diejenigen Gefühle, Gedanken und Erinnerungen, die in der endlosen Weite Russlands keinen Raum haben durften.

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