Die ermattete Gesellschaft

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16-04-21 08:38:00,

Der Verlust von Energie, fehlende Antriebskraft und kollektives Burn-out sind Kennzeichen einer ermatteten Gesellschaft. Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, beobachtet gesellschaftliche Veränderungen im Zuge der Coronakrise.

Im Gespräch (August 2020) mit Die Furche-Chefredakteurin Doris Helmberger-Fleckl äußert sich Rosa dazu und wirft die Frage auf: Ist es möglich, dass die gesamte Gesellschaft ihre Energie verliert? Dass wir kollektiv ins Burn-out fallen? Empirische Daten lägen dazu noch nicht vor, so der Soziologe. Viele Menschen berichteten, dass sie sich gerade in der Zeit des Lockdowns, wo sie doch eigentlich mehr Zeit zur Verfügung hätten, müde, antriebslos und ermattet fühlten. Zuweilen habe man den Eindruck, dass selbst so alltägliche, körperliche Tätigkeiten wie Treppensteigen schier unmöglich erscheinen.

Selbst im Zuge der ersten Lockerungen nach dem Lockdown, wo Kneipen- oder Vereinsbesuche wieder möglich gewesen wären, zeigte sich, dass viele Menschen dennoch lieber zu Hause blieben — Verlust der Tatkraft aufgrund zunehmender Antriebslosigkeit und eines Mangels an Freude.

„Offensichtlich ist die Energie, die aus sozialem Kontakt und Begegnungen entsteht, gelähmt und stillgelegt worden“, so Rosa.

Er beschäftigt sich in Folge mit diesem Phänomen und stellt die Frage, wie sich zwischen Menschen Energie aufbauen kann und welchen Stellenwert dabei körperlicher Kontakt einnimmt. Die kinetische Energie, die Bewegungsenergie unserer Zeit ist durch Corona extrem gesunken, denn Reisen sind nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich, und unsere Aktionsradien sind deutlich verringert. So sind zum Beispiel über 90 Prozent der weltweiten Flüge ausgefallen, und Bahnreisen wurden durch Kapazitätsbeschränkungen infolge von Abstandsregelungen reduziert.

Professor Rosa nennt es die „massive Verkürzung der Weltreichweite“ — die bislang ja stetig angestiegen war. Gleichsam über Nacht und langfristig wurden unser Bewegungsradius und die damit verbundenen Freiheiten und Möglichkeiten sehr wesentlich eingeschränkt. Mir drängt sich hierbei das Bild eines Unschuldigen auf, der aufgrund eines Fehlurteils im Gefängnis sitzt.

Manche empfinden diese Verlangsamung als wohltuende Entschleunigung eines zuvor hektischen Alltages. Für eine große Anzahl der Menschen ist diese erzwungene Verlangsamung jedoch ein großer Stressfaktor, der sich durch Verlust oder Reduktion des Arbeitsplatzes, Kinderbetreuung unter schwierigen Bedingungen und Pflege von Angehörigen äußert. Zur verlangsamten Zeit kommt der reduzierte Raum. Die Beschränkung auf die eigene Wohnung, den engsten Umkreis, ist besonders für aktive und sehr soziale Menschen problematisch. Andererseits konnten manche Menschen diese Situation auch genießen. Sie sahen die Zeit des Innehaltens und der Langsamkeit als Möglichkeit,

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